HERMANN HESSE

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Nachtzug
- von Daydreaming



Nachtzug

Der Wind trieb den Regen gegen das Glas der Fensterscheibe, wo er in Schlieren quer herunterlief. Schlafwandlerisch fand der Zug seinen Weg in der Dunkelheit, wie ein Spielzeug, gezogen an einer Schnur von einem Kind. Auf der einen Seite herrschte verregnete Dunkelheit, die hier und da von einzelnen trüben Lichtern durchbrochen wurde. Kleine, schwach leuchtenden Inseln, die von Leben zeugten oder seine Nähe zumindest suggerierten; als blickte man auf das ruhige Meer, in dem der Schein fluoreszierender Algen mit dem Spiegelbild des Nachthimmels zu einem zerbrechlichen Mosaik verschmolz.
Auf der anderen Seite dominierte steriles, aufdringliches Licht, das die Waggons grell erhellte. Hätte dieses Licht eine greifbare Form gehabt, so wäre es sicher ein unangenehm riechendes Plastik gewesen, das sich keine Mühe gab, sein synthetisches Wesen zu verbergen. Im Zuginneren herrschte eine Atmosphäre vorgeschriebener Zweckmäßigkeit, die auch mit angestrengtem Design nicht über ihre Banalität hinwegtäuschen konnte. Das dem Schöpfer vorschwebende Bild von schlichter Eleganz und zurückhaltendem Luxus erschloss sich dem Reisenden, der auf einem Fensterplatz in einem spärlich besetzten Wagen der zweiten Klasse saß, nicht. Für ihn war das Interieur billig-funktionell, haltbar und erträglich wirkend, aber nicht behaglich.
Allein das Rucken des Zuges auf den Schienen verriet, dass er sich tatsächlich bewegte und es nicht die blassen Lichter draußen waren, die ihre Lage veränderten. Er sah hinaus – versuchte es jedenfalls. Aber in der eintönigen Landschaft fand sein Blick keinen Halt und auf der Scheibe spiegelte sich das Waggoninnere verdoppelt und verzerrt. Sein eigenes Spiegelbild konnte er jedoch nur sehen, wenn er sein Gesicht näher an die kalte Scheibe brachte. Andernfalls versank er in dem trüben Schimmer, der auf der gläsernen Oberfläche klebte. Er lehnte den Kopf an seinen Sitz, so dass weder der blendende Lampenschein noch das diffuse Lichterspiel vor dem konturlosen Hintergrund des Fensters seinen Blick störten. Es war still, bis auf wenige gedämpfte Gesprächsfetzen, das Rascheln von Kleidung oder das Geräusch vom Umblättern der Seiten in einem Buch. Eine einlullende Mischung von Sinneseindrücken, vervollständigt durch das Schaukeln des Zuges.
So diffus erhellt und formlos wie die vorbeiziehende Landschaft sich lustlos präsentierte, so ungeordnet schien der Gang seiner Gedanken, die träge von einem Ding zum anderen schweiften, ohne dabei an einem festzuhalten, so dass es in Klarheit hervortrat. So ziellos wie er war, obwohl ihn die Schienen führten, und ohne innere Richtungsvorgabe löste er sich kaum merklich auf. Die Grenzen seines Wesens wurden allmählich weicher und gingen in ihrer Umgebung auf. Er wurde zu einem weiteren unselbstständigen Einrichtungsstück, eingeordnet an seinem Platz, ohne bemerkt oder hinterfragt zu werden.
Die Schlange wand sich weiter auf ihrem Weg durch die Nacht, bis eine müde Stimme ihren baldigen Halt verkündete. Mit schlafwandlerischer Gelassenheit erhob er sich von seinem Sitz, sammelte sein kleines Gepäck und ging zur Tür, um dort den Stillstand des Zuges abzuwarten. Hinter ihm lagen etliche solcher Reisen von einem unpersönlichen Ziel zum nächsten. Nicht unzählbar war ihre Zahl, sondern feinsäuberlich dokumentiert, doch gerade das machte sie so erschreckend. Er hatte freilich vor Langem aufgehört, sich mit dem Zählen zu quälen. Vor ihm lag noch eine sicher ebenso große Zahl weiterer Fahrten, sodass ihre gesamte Zahl bedeutungslos wurde. Bevorstehendes und Vergangenes trafen sich an einem Ort, der nirgendwo lag. Eine Existenz eingepfercht in die Virtualität von Reiseplänen, begrenzt von Ankunftsanzeigen und rituellem aber sinnentleerten Fahrkartenkäufen, später gefolgt von pedantischen Abrechnungen. Alles gliederte sich in einen routinemäßigen und fehlerlosen Ablauf, der das Verlangen nach gelegentlichem Misslingen mit seiner Ehrfurcht gebietenden Ausstrahlung im Keim seiner Entwicklung erstarren ließ. Pläne, nicht Wünsche diktierten das Geschehen. So trat er auch an seinem jüngsten Fahrtziel aus der stickig warmen Zugluft und hinein in den feinen Nieselregen, der unter das offene Dach des Bahnsteigs wehte. Der eigentümliche Geruch des Bahnhofs umwehte ihn, als er still zwischen vereinzelten Mitreisenden die aus Beton gegossenen Stufen, die vom Bahnsteig in den Bauch der Station führten, herabstieg.
Scheinbar ohne Bewusstsein für seine Handlungen gelangte er zu seinem Hotel für die Nacht. Der Nachtportier ließ ihn ein und begrüßte ihn mit einem „Guten Abend, Herr Schneider“, dem leicht anzumerken war, dass er den Namen kurz zuvor von dem Reservierungsformular abgelesen hatte. Nach der Erledigung des üblichen Procedere und dem Weg zu seinem Zimmer, auf dem ein dicker Teppich seine müden Schritte in dem schwach beleuchteten Gängen verschluckte, betrat er sein dunkles Zimmer. Die Tür fiel gleitend, aber doch schwer ins Schloss, nahezu ohne einen Laut, so als wollte sie sich nicht wieder öffnen. Eine kurze Weile stand er, sein Gepäck noch in Händen, im unbeleuchteten Zimmer. Das einzige Geräusch war sein entfernt klingender Herzschlag, der sanft in seinen Ohren klang. Schließlich schaltete er das Licht an, das sich indirekt und dämmrig im Zimmer ausbreitete. Die trockene warme Luft ließ einen schwelenden Kopfschmerz anschwellen. Nur seines Jacketts und seines Mantels entledigt legte er sich auf die ordentlich ausgebreitete Zudecke und schloss die Augen, ohne jedoch Schlaf zu finden. Sein Geist bewegte sich weiter ziellos auf unsichtbaren Schienen, so dass er in einen bedrückenden Schlaf fiel. Der sich erst nach langem Warten in Bewegungslosigkeit einstellte.
Ein unangenehmes Geräusch holte ihn aus seiner Ruhe und führte ihn in die Desorientierung, die mit dem ständigen Ortswechsel einherging. Es war sein Mobiltelefon, das ihm lautstark einen Anruf meldete. Mit halb geöffneten Augen beobachtete er das Aufleuchten der grellen Displaybeleuchtung, während er darauf wartete, dass das Klingeln bald aufhören würde. Dies geschah erst nach einer langen Weile. Die eingekehrte Stille hielt allerdings nicht lange an, denn schon kurz nach dem ersten Anruf begann die zweite Störung. Schläfrig tastete er nach dem Telefon und hielt es vor sich, um zunächst die Uhrzeit abzulesen, es war kaum eine Stunde seit seiner Ankunft vergangen. Er führte das Telefon ans Ohr und nahm den Anruf entgegen, aber seine Stimme versagte. Sein Schweigen wurde mit nervöser Ungehaltenheit aufgenommen. Er murmelte eine unzusammenhängende Entschuldigung, die wiederum mit einer Anklage beantwortet wurde, die dem modernen Credo vom funktionierenden Menschen entsprang. Mit kraftloser Stimme bekannte die Mensch-Maschine sich schuldig. Die hastig erregten Wörter stiegen wie Blasen aus dem Telefon auf, zerplatzen an seinem Schädel und ließen ihren Sinn in das Zimmer entweichen. Endlich breitete sich Schweigen aus, als eine Antwort von ihm erwartet wurde. Er lauschte stattdessen in die Stille, weil er nicht die Konzentration aufbrachte, um einen sinnvolle Antwort zu geben. Noch nach dem Erkennen der Zwecklosigkeit des Gesprächs, die ihm angelastet – zu Recht – angelastet wurde, fand er sich genötigt, weiter zuzuhören und hier und da bedeutungslose Silben in den im Dunklen dimensionslosen Raum zu sprechen. Schließlich endete das Gespräch mit der Verkündung, seine nächtliche Störung sei nicht länger zu ertragen. Es war zugleich erlösend und verletzend, obwohl er wusste, dass er sich der Schuld nicht hätte annehmen müssen. Die herbeigesehnte Ruhe schien nun erdrückend. Seine Liegeposition hatte ihm neben den weiter pochenden Schmerzen im Schädel die Glieder versteift, so dass er nicht wagte, seinen Kopf zu bewegen aus Angst es nicht zu können.
Er nahm den Geruch wahr, der an seiner Kleidung haftete, es war sein eigener. Ekel stieg in ihm auf, aber erreichte seinen Hals nie, sondern richtete sich irgendwo in seiner Speiseröhre ein, um dort auf unbestimmte Zeit zu verharren gleich einem lauernden Tier, das sein Opfer zermürbt, ohne einen Schritt zu tun.
Er aber sah sich außer Stande gegen nur eines dieser Dinge anzugehen. Schlaf und Ruhe wollten sich auch in dieser Nacht nicht bei ihm einfinden, dafür blieben ihm Müdigkeit und Schwäche zur Gesellschaft. Ohne Unterbrechung perlte der Regen in dicken Tropfen gegen das Fenster, das Geräusch von den geschlossenen Vorhängen gedämpft. Das unregelmäßige Aufprallen der Regentropfen wurde unterbrochen von einem lauten, dumpfen Schlag. Benommen richtete er sich mühsam auf, um nachzusehen, was ihn verursacht hatte. Er schob die muffig riechenden Vorhänge beiseite und sah hinaus. Draußen war im kargen Schein der Straßenbeleuchtung kaum etwas zu erkennen, doch auf der Scheibe prangte der Abdruck eines mittelgroßen Vogels, einer Krähe oder einer Taube vielleicht. Schmutzig und verschmiert zeichneten sich die Umrisse des Tieres ab und wurden vom herabfließenden Wasser zunehmend verwischt. Gleichgültig kehrte er zum Bett zurück, legte sich zusammengekrümmt hin und wartete auf das Ende der Nacht.
Es sollte jedoch nicht die letzte Störung in dieser Nacht gewesen sein; ein Klappern, als sei etwas herunter- oder umgefallen, weckte ihn aus der Bewusstlosigkeit, die kein Ersatz für den fehlenden Schlaf war. Geräuschlos bewegte er sich so, dass er über das Fußende des Bettes sehen konnte. Er hatte vorhin die Vorhänge nicht geschlossen und so fiel ein schmutziges graues Licht in das Zimmer. Gerade als er glaubte, einer Einbildung erlegen zu sein, hörte er es, ein leises Klacken und als er zu dem kleinen Tisch sah, der zur kargen Einrichtung des Zimmers gehörte, erkannte er die Gestalt eines Vogels, der mit klickenden Schritten über die blanke Tischplatte trippelte. Sein Gefieder schimmerte dunkel und war nahezu glanzlos. Hier und da pochte er mit seinem starken Schnabel auf den Tisch. Ein gedämpftes Fauchen erklang von unterhalb des Tisches, wo in der Dunkelheit nichts zu sehen war. Der Vogel hielt inne, warf einen Blick hinab und setzte seinen Inspektionsgang anschließend ungerührt fort. Es fauchte noch einmal und bei diesem Mal folgte ein zweiter Schatten, der geschmeidig und lautlos auf den Tisch sprang. Nun standen sich der Vogel und die Katze direkt gegenüber und als die Katze nun fauchte, ließ der Vogel endgültig vom Klopfen ab.
Ihm war, als unterhielten sich die beiden Tiere mit gedämpftem Krächzen, Fauchen und Brummen. Kurz glaubte er sogar, dass die Katze sorgsam einen misstrauischen Blick zum Bette herüberwarf. Er blieb regungslos in seiner Position liegen, aber seine Augen wanderten zum Fenster und zur Tür, die er ihm schwachen Licht nur vermuten konnte. Jedenfalls schienen beide verschlossen zu sein. Die beiden Tiere mussten also auf einem anderen Weg hinein gelangt sein. Schließlich richtete sich seine Aufmerksamkeit wieder den Tieren, die auf dem Tisch hockend miteinander zu diskutieren schienen, wobei die Katze einige Male böse fauchte. Lange lag er so da, auf seine Ellenbogen gestützt, beobachtete sie und versuchte zu verstehen, worum es in der Unterredung ging. Obwohl er ihre Sprache nicht verstand, vermutete er bald, dass sich das Gespräch der beiden nächtlichen Besucher um ihn drehte. Von Zeit zu Zeit sahen die Katze und der Vogel in seine Richtung, als wollten sie sich überzeugen, dass er noch schlief. Dass er sie dagegen längst bemerkt hatte, war ihnen wohl nicht aufgefallen. Doch nach einer Weile wurden seine Arme taub und zwangen ihn, seine Lage zu verändern. Als er sich im Bett drehte, schreckte das Rascheln des Bettzeugs die Tier auf. Sie fuhren herum und starrten ihn überrascht an, dann sprang die Katze ohne ein Geräusch vom Tisch und entglitt in eine Ecke des Raumes, die in vollkommener Dunkelheit lag. Der Vogel stieß sich von der Tischkante ab und segelte ebenfalls lautlos in die gleiche Richtung wie die Katze.
Erschrocken saß er im Bett und starrte auf den Punkt, wo die Tiere verschwunden waren. In der Dunkelheit schien der Raum sich auf eigenartige Weise auszudehnen. Weder ein Flügelschlag noch ein anderes Geräusch drang aus dem Dunkeln. Als er das angespannte Warten endlich aufgeben wollte, sandte die aufgehende Sonne bereits ihre ersten blassen Strahlen durch das Fenster. Sie zeichneten den Abdruck des Vogels am Fenster verschwommen auf dem Fußboden nach. Das Zimmer lag unverändert da, alles war so wie er es am Vorabend zuletzt gesehen hatte.

Nach dem Verlassen des Hotels bog er in die kleine Gasse ein, die unter seinem Fenster lag. Am Fahrbahnrand lag ein Vogel mit verdrehtem Kopf. Auch von unten konnte er den Abdruck an der Fensterscheibe sehen. Sachte berührte er den Vogel mit der Schuhspitze, aber er regte sich nicht. Es war eine Krähe mit mattem, pechschwarzem Gefieder, ihr Genick war gebrochen. Die Straße lag in morgendlicher Stille, abseits vom Lärm des Berufsverkehrs. Er kniete neben dem Vogel, wickelte ihn in ein Taschentuch und trug seinen leichten erkalteten Körper auf die andere Straßenseite. Dort legte er ihn unter die verflochtenen Zweige eines gewaltigen Brombeergebüschs, das die gesamte Straßenseite entlang eines Bahndamms bedeckte. Dann begab er sich auf den Weg, um rechtzeitig zu seinem Termin zu erscheinen.
Sein Gang war leicht und obwohl er wieder nicht ausgeruht hatte, war sein Kopf nicht beschwert von Müdigkeit oder Schmerz. Wie eine Wolke bei leichtem Wind zog er auf seinem Weg dahin.
Am frühen Abend bestieg er den Zug, um weiterzufahren zu seinem nächsten Bestimmungsort. Im Waggon beleuchtete dasselbe stumpfe Licht die Kunststoff gewordene Ödnis. Aber dieses Mal fühlte er sich gelöst und entspannt. Er begab sich ganz in die Obhut des Zuges, der sich bereits in Bewegung setzte. Bald hatte er die Stadt hinter sich gelassen, doch das bemerkte er nicht. Kurz nachdem er sich auf seinem Platz niedergelassen hatte, war er in einen friedlichen, tiefen Schlaf gefallen, während der Zug ihn stoisch vorantrug auf seinem Weg durch die Dämmerung.

 



 
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