HERMANN HESSE

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- von FederKind



Die Luft ist heiß hier. Aber das ist nichts Ungewöhnliches mehr. Wir sind
an die extremen Temperaturen nun gewöhnt, an das leichte Brennen in der
Lunge wenn wir die beißende Luft einatmen. Wir nehmen die Hitze, die
unsere Haut zu verglühen scheint kaum noch wahr. Man gewöhnt sich eben an
alles.
Auch an die herrschende Finsternis gewöhnt man sich. Dass wir uns nur mit
Hilfe von einigen Fackeln in dieser zurechtfinden können ist eigentlich das
kleinste Problem. Noch weniger ins Gewicht fällt der Hunger und der Durst
der uns quält seit dem wir hier sind. Er fällt uns kaum noch auf. Wir
kämpfen uns voran, die Trümmerhaufen in denen wir waten machen uns wenig zu
schaffen, sie lassen uns zwar langsamer werden; mit jedem neuen Berg, der
sich vor uns auftürmt werden wir ein Stückchen langsamer aber wir kämpfen
uns weiter. Suchen uns unseren Weg durch diese neue Dunkelheit. Eine
Dunkelheit, die uns noch fremd ist. Doch auch an sie scheinen wir uns zu
gewöhnen. Wir gehen einfach weiter. Unerschöpflich, wie es scheint, räumen
wir Trümmer um Trümmer zu Seite, stossen Steinblöcke von uns, treten
Astsplitter aus dem Weg, schieben abgerissene Köpfe oder kopflose tote
Leiber in Ecken. Das Blut auf unserem Weg nehmen wir nicht wahr, es ist
einfach da, genau wie kaputte Möbelstücke, verbrannte Pflanzenreste oder
zerschlagene Fensterscheiben.
Wir gehen weiter. Immer weiter. Wir sehen nicht mehr das, was um uns herum
geschieht, wir schieben nur mechanisch die Teile aus unserem Weg, die ihn
behindern, weiter und weiter kämpfen wir uns. Der Hunger in unseren Mägen
wird durch das Brennen der Luft in unseren Lungen erstickt, die Müdigkeit
durch den quälenden Durst vertrieben, der unsere Körper langsam aber
sicher austrocknet. Niemand von uns kann sagen wie lange wir schon
unterwegs sind auf diesem Weg, dieser Weg der eigentlich keiner ist. Wir
reden sowieso nicht mehr. Es gibt auch nichts zu sagen. Schweigend gehen
wir weiter. Vielleicht sind es Stunden,vielleicht auch schon Tage. Wir
werden langsamer, mit jedem Schritt langsamer aber wir laufen weiter,
kletterten mühsam über zerbeulte Autos, tote Kühe, zerbrochene Statuen,
zerquetschte Blumen. Weiter, immer weiter.
Wir sehen nicht nach oben sondern nur auf den "Weg" vor uns. Den Weg den
wir uns bahnen.Es gäbe "oben" sowieso nichts zu sehen. Es ist nur die, uns
umhüllende Dunkelheit, die unsere Augen erblicken. Nur die schwach
brennenden Fackeln geben uns etwas Licht. Aber auch das ist nicht das
größte Problem. Auch wenn sie nach und nach erlöschen. Es ist nicht das was
uns zum Wahnsinn treibt. Noch haben wir Licht, noch haben wir Vorrat.
Es ist nicht die Hitze die uns erdrückt, nicht der Schmutz in der Luft, der
uns das Atmen schwer macht, es ist nicht der Hunger, es ist nicht der
Durst, es sind nicht die Leichen, nicht die Zerstörung. Nein all das macht
uns nicht zu schaffen. Wir gehen weiter. Weiter, immer weiter. Wir gleichen
Maschinen, wir wälzen Trümmer zur Seite, die man unter anderen Umständen
wohl niemals so schnell hätte bewegen können. Aber wir können es. Was uns
zu dieser Kraft verhilft wissen wir nicht. Es läuft mechanisch. Mechanisch
wird der nächste tote Leib aus den zerbrochenen Glasscheiben gezogen, auf
die Seite gelegt und selbst durch die nun gewonnene Öffnung weiter
gegangen. Mechnisch werfen wir erloschene Fackel um erloschene Fackel weg
und drängen uns mit jeder verlorenen Lichtquelle enger zusammen.
Schritt für Schritt weiter.
Wir wagen es nicht, uns gegenseitig ins Gesicht zu sehen. Wir würden etwas
erblicken was uns die letzte Kraft rauben würde. Wir gehen einfach, kämpfen
uns gemeinsam weiter. Schritt für Schritt.
Manchmal, manchmal bleibt einer einfach stehen.
Manchmal fällt einer einfach um.
Wir merken es nicht, wir dürfen es nicht merken. Wir müssen weiter gehen.
Doch machmal wenn doch einer kurz anhält, zu dem Gefallenen sieht kann man
es spüren. Das spüren was uns zum Wahnsinn treibt. Das was langsam aber
stetig an uns nagt, sich ganz langsam in unsere Seelen schleicht. Die
Angst. Die Angst nicht das zu finden nach dem wir suchen. Die Angst nicht
lange genug durchhalten zu können um es zu finden. Die Angst, dass wir es
nie finden, und die noch größere Angst, dass da nichts mehr ist das wir
finden können.
Wenn man den Gefallenen ins Gesicht blickt erschaudert man, man sieht den
Menschen der dort liegt, man sieht einen Geschäftsmann, mit zerfetztem
Designeranzug am Boden liegen, die Augen weit aufgerissen, die Arme von
sich gestreckt. Man sieht eine junge Mutter weinend im Staub liegen, den
Teddy ihres Kindes noch in der Hand. Man sieht einen Bäckermeister in einer
Ecke gekauert sitzen, apathisch ins Leere starren und unverständliche Worte
vor sich hinbrabbeln. Man sieht ein kleines Kind einfach darliegen und nach
seiner Mutter weinen. Man sieht ein altes Ehepaar, sich fest umarmend auf
einem Leichenhaufen niedergesunken sterben. Man sieht seinen eigenen
Nachbarn inmitten von verbrannten Bäumen einfach zusammenbrechen und nicht
mehr aufstehen. Man sieht den eigenen Ehemann, die eigene Ehefrau nach Atem ringen und
schreiend gegen zerbrochene Steinblöcke schlagen.
Darum darf man nich zurückschauen. Man muss weiter gehen. Weiter. Immer
weiter.
Man darf nicht denken und man darf vor allen Dingen nicht mehr fühlen. Man
muss gehen. Weiter. Diesen endlos scheinenden Weg.
Und wir gehen. Meter für Meter setzen wir unsere teils blanken Füße auf
harten Stein, blutige Fleischreste oder manchmal sogar noch unberührte
Wiesenstücke.
Das sind Momente in denen wir nicht entkommen können. Dann umschlingt es
uns. Dieses Fressende in uns, es kommt dann hoch wenn wir reines frisches
Gras unter uns spüren. Und wir bleiben stehen. Wir bleiben stehen und es
schreit aus uns heraus. Wir schreien, schreien laut in diese Dunkelheit
hinaus. Wir schreien nach dem "Warum?" Wir schreien nach dem "Weshalb? "
Doch niemand ist da der uns antwortet. Wir sehen uns an, sehen unsere
ausgemergelten Gesichter an, sehen die Menschen vor uns und dann gehen wir
weiter. Wir dürfen nicht weiter denken denn sonst würden auch wir einfach
zu Boden sinken und nicht wieder aufstehen. Nicht das finden wonach wir
suchen.
Also gehen wir weiter. Gehen. Bahnen uns weiter unseren Weg. Weiter.
Mechanisch.
Mehr und mehr Fackeln erlöschen. Mehr uns mehr von uns "fallen". Doch noch
gehen wir. Wir sind nicht mehr viele, doch wir gehen.
Wir spüren nichts mehr, keinen Hunger, keinen Durst, keine Schwäche, keine
Hitze, keine Dunkelheit. Wir schleichen nur noch. Wir schleppen uns langsam
weiter. Wir werden weniger, immer weniger. Das in uns wird größer, das was
uns alle nach und nach zu Boden gehen lässt.
Plötzlich bleibt einer stehen. Einer den wir alle nicht ansehen können.
Einer, dessen Anblick wir nicht ertragen können.
Er bleibt stehen und lässt seine Fackel fallen, die auf dem Boden langsam
erlischt.
Es ist die letzte Fackel. Wir sehen es mit Entsetzen, können uns aber nicht
rühren sie aufzuheben. Im Verblassen des Lichtscheins beginnt er zu
sprechen: "Wir haben doch gewonnen oder?! Sie war genial entwickelt! Keine
andere vorher hätte diese Kraft gehabt. Keine! Wir haben sie entwickelt!
Wir! Unsere Waffe! Unser Werk! Wir sind die Sieger!"
Schweigen. Der Sprechende sinkt zu Boden. Die Fackel erlischt.



[FederKind 03.04.03]

 



 
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