Klage

von


Uns ist kein Sein vergönnt. Wir sind nur Strom, Wir fließen willig allen Formen ein: Dem Tag, der Nacht, der Höhle und dem Dom, Wir gehn hindurch, uns treibt der Durst nach Sein. So füllen Form um Form wir ohne Rast, Und keine wird zur Heimat uns, zum Glück, zur Not, Stets sind wir unterwegs, stets sind wir Gast, Uns ruft nicht Feld noch Pflug, uns wächst kein Brot. Wir wissen nicht, wie Gott es mit uns meint, Er spielt mit uns, dem Ton in seiner Hand, Der stumm und bildsam ist, nicht lacht noch weint, Der wohl geknetet wird, doch nie gebrannt. Einmal zu Stein erstarren! Einmal dauern! Danach ist unsre Sehnsucht ewig rege, Und bleibt doch ewig nur ein banges Schauern, Und wird doch nie zur Rast auf unsrem Wege.

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Dieses Gedicht findest du in:

Sämtliche Gedichte in einem Band: Hrsg. u. Nachw. v. Volker Michels

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Wann schrieb Hermann Hesse das Gedicht "Klage"?

Wissenswertes

  • Vier Strophen zu je vier Versen.
  • Das Gedicht entwirft eine existentielle Bestandsaufnahme: dem Menschen ist „kein Sein vergönnt" — er ist Strom, der willig durch alle Formen fließt, „stets unterwegs, stets Gast".
  • Das zentrale Bild: der Mensch als Ton in Gottes Hand, „Der wohl geknetet wird, doch nie gebrannt" — alles Werden bleibt vorläufig.
  • Schlussstrophe: „Einmal zu Stein erstarren! Einmal dauern! / Danach ist unsre Sehnsucht ewig rege…" Selbst die Sehnsucht nach Bestand bleibt ohne Erfüllung.
  • Hesse verfasste „Klage" im Januar 1934, mit 56 Jahren.

Quelle: Hermann Hesse, Sämtliche Gedichte in einem Band*
Herausgeber: Volker Michels, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1995