Im Nebel
Seltsam, im Nebel zu wandern!
Einsam ist jeder Busch und Stein,
Kein Baum sieht den andern,
Jeder ist allein.
Voll von Freunden war mir die Welt,
Als noch mein Leben licht war;
Nun, da der Nebel fällt,
Ist keiner mehr sichtbar.
Wahrlich, keiner ist weise,
Der nicht das Dunkel kennt,
Das unentrinnbar und leise
Von allen ihn trennt.
Seltsam, Im Nebel zu wandern!
Leben ist Einsamsein.
Kein Mensch kennt den andern,
Jeder ist allein.
Weitere Hesse-Gedichte über Einsamkeit und das Wandern
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Sämtliche Gedichte in einem Band: Hrsg. u. Nachw. v. Volker Michels
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Wann schrieb Hermann Hesse das Gedicht "Im Nebel"?
Wissenswertes
- Das Gedicht besteht aus vier Strophen zu je vier Versen im Kreuzreim a-b-a-b; die Schlussstrophe nimmt die Eingangszeile „Seltsam, im Nebel zu wandern!" wieder auf.
- Die Schlusszeilen „Leben ist Einsamsein. / Kein Mensch kennt den andern, / Jeder ist allein" gehören zu den bekanntesten Formulierungen menschlicher Vereinzelung in der deutschen Lyrik.
- Der Germanist Walter Hinck hat die Kraft der Anfangsverse als Stimmungslyrik mit Naturprojektion hervorgehoben.
- Es zählt zu den am häufigsten vertonten deutschen Gedichten — dokumentiert sind über 100 Vertonungen, von Carl Wolfsohn (1913) bis Krzysztof Penderecki (2005/08); auch Pur und Die Toten Hosen haben es adaptiert.
- Hesse verfasste „Im Nebel" 1905, mit etwa 28 Jahren; veröffentlicht wurde es 1908 in seinem Lyrikband „Unterwegs".