Wie eine Welle
Wie eine Welle, die vom Schaum gekränzt
Aus blauer Flut sich voll Verlangen reckt
Und müd und schön im großen Meer verglänzt –
Wie eine Wolke, die im leisen Wind
Hinsegelnd aller Pilger Sehnsucht weckt
Und blaß und silbern in den Tag verrinnt –
Und wie ein Lied am heißen Staßenrand
Fremdtönig klingt mit wunderlichen Reim
Und dir das Herz entführt weit über Land –
So weht mein Leben flüchtig durch die Zeit,
Ist bald vertönt und mündet doch geheim
Ins Reich der Sehnsucht und der Ewigkeit.
Weitere Hesse-Gedichte über Wandel und Bewegung
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Wann schrieb Hermann Hesse das Gedicht "Wie eine Welle"?
Wissenswertes
- Vier Strophen zu je drei Versen — drei Bildvergleiche (Welle, Wolke, Lied) münden in eine Schluss-Strophe, die das eigene Leben in dieselbe Bewegung einbettet.
- Aufbau: Drei Vergleiche („Wie eine Welle… wie eine Wolke… wie ein Lied…") führen zum Lebensbekenntnis „So weht mein Leben flüchtig durch die Zeit".
- Schlussvers: „Ist bald vertönt und mündet doch geheim / Ins Reich der Sehnsucht und der Ewigkeit." Sehnsucht und Ewigkeit erscheinen als Heimat der Vergänglichkeit.
- Enthalten u.a. in „Die Gedichte" (Hrsg. Peter Huber), Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2002.
- Hesse verfasste das Gedicht im Mai 1901, mit 23 Jahren — eines seiner frühen Bekenntnis-Gedichte zur Vergänglichkeit.