
„Knulp. Drei Geschichten aus dem Leben Knulps“ ist Hermann Hesses Erzählzyklus über einen begabten, charmanten Schwarzwald-Vagabunden – einen „Entgleisten“, der nicht in die geregelte Ordnung nüchterner Arbeits- und Berufsmenschen passt. Hesse arbeitete zwischen 1907 und 1914 an den drei Geschichten; sie erschienen 1915 als Buch im S. Fischer Verlag, Berlin. Im Vergleich zum gleichzeitig entstandenen Roßhalde (1914) sind sie unbeschwerter und gelöster und nehmen alte Motive Hesses wieder auf: das Wandern, die Künstler-Existenz am Rande, die heimliche Lebenswende.
Aufbau: drei Geschichten
1. Vorfrühling
Knulp, von einer Krankheit erholt, kehrt zu seinem Freund, dem Gerber Emil Rothfuß in Lächstetten, ein. Er begegnet alten Bekannten und der jungen Bärbele, einer Magd. Als das Frühjahr beginnt, zieht Knulp wieder weiter – wie immer.
2. Meine Erinnerung an Knulp
Der Ich-Erzähler – ein einstiger Wandergefährte – erinnert sich an einen Sommer mit Knulp. In Gesprächen über Vergänglichkeit, Einsamkeit und das Verhältnis von Bindung und Freiheit zeigt sich der zweite, melancholische Knulp hinter der heiteren Oberfläche.
3. Das Ende
Der alternde, an Tuberkulose erkrankte Knulp kehrt im Spätherbst in seine Heimatstadt Gerbersau zurück. Er begegnet seinem ehemaligen Schulkameraden Dr. Machold, jetzt Landarzt, und stirbt im Winter im verschneiten Wald. Im Sterben spricht er mit Gott und findet Frieden.
Hauptfiguren
- Knulp – Vagabund mit künstlerischen Gaben (Kunstpfeifen, Erzählen, Beobachten); durch eine frühe Liebesenttäuschung geprägt.
- Dr. Machold – Knulps Schulkamerad, jetzt Landarzt in Gerbersau.
- Bärbele – Magd aus dem Schwarzwald, die Knulp in Lächstetten trifft.
- Emil Rothfuß – Gerber, Knulps Freund in Lächstetten.
- Franziska – Knulps Jugendliebe, durch deren Enttäuschung er zum Vagabunden wurde.
Das Gespräch mit Gott
Der Schlüsselmoment der Erzählung ist das Gespräch des sterbenden Knulp mit Gott im verschneiten Wald. Gott rechtfertigt darin Knulps scheinbar nutzloses Leben:
Ich habe dich nicht anders brauchen können, als wie du bist.
Knulp habe gerade durch seine Heimatlosigkeit den Menschen, die in geregelten Verhältnissen lebten, eine Ahnung von Freiheit und Sehnsucht gebracht – seine Existenz sei nicht trotz, sondern wegen ihrer scheinbaren Nutzlosigkeit gerechtfertigt.
Themen: das gelobte „unnütze“ Leben
Wie schon in Peter Camenzind und Gertrud verhandelt Hesse die Spannung zwischen der produktiven, nützlichen Welt der Leistung und dem scheinbar zweckfreien Dasein des Künstlers. Knulp ist ein Nachfahre des „Taugenichts“ Eichendorffs, aber er ist nicht nur heiter und kindlich. Hinter seiner Munterkeit verbirgt sich ein einsamer, heimatloser Mensch, dem es bestimmt ist zu wandern. Das Freisein von Bindungen muss mit dem Verzicht auf bürgerliches Glück, Familie und Häuslichkeit erkauft werden – eine zentrale Konstellation, die Hesse später in Der Steppenwolf radikal zuspitzt.
Hesses Rückblick auf Knulp
Mit Knulp bin ich auch, trotz einigen mir nicht korrigierbaren Schönheitsfehlern, noch ganz einverstanden. Ich habe mit ihm etwas Sonderbares erlebt. Ich kam, zusammen mit einem meiner Söhne, etwa im Jahr 1930 nach sehr langer Zeit wieder einmal nach Calw, übernachtete im Waldhorn, ganz nah beim großväterlichen und väterlichen Haus, ging durch ein paar Gassen, sah von der Brücke in die Nagold hinunter – und die Gestalt, die mir da überall gegenwärtig war, da um eine Gassenecke verschwand und hier beim Brunnen stand, war keine Person meiner Kindheit und Jugend, sondern war Knulp. Er war für mich (was ich vorher nicht gewußt hatte) zum Geist und Sinnbild der Heimat geworden.
Häufige Fragen zu „Knulp“
Wann erschien „Knulp“?
Als Buch 1915 im S. Fischer Verlag in Berlin. Geschrieben hat Hesse die drei Geschichten zwischen 1907 und 1914 – also über mehr als sieben Jahre, parallel zu Gertrud (1909/10) und Roßhalde (1914).
Aus welchen Geschichten besteht „Knulp“?
Aus drei: „Vorfrühling“ (Knulp bei Gerber Rothfuß in Lächstetten), „Meine Erinnerung an Knulp“ (Sommer mit dem Vagabunden) und „Das Ende“ (Knulp kehrt sterbend in seine Heimatstadt Gerbersau zurück).
Was sagt Gott am Ende zu Knulp?
„Ich habe dich nicht anders brauchen können, als wie du bist.“ Mit diesem Wort rechtfertigt Gott im verschneiten Wald Knulps scheinbar nutzloses Leben: gerade durch seine Heimatlosigkeit habe Knulp den Menschen in geregelten Verhältnissen eine Ahnung von Freiheit und Sehnsucht gebracht.
Wo spielt „Knulp“?
Im südwestdeutschen Raum: in Lächstetten („Vorfrühling“), auf einer Sommerwanderung („Meine Erinnerung an Knulp“) und in Knulps Heimatstadt Gerbersau („Das Ende“) – einem fiktiven Ort, mit dem Hesse seine Heimat Calw literarisch chiffriert hat.
Worum geht es in „Knulp“?
Um die Frage, ob ein „unproduktives“ Leben – das Leben eines Vagabunden, der weder Beruf noch Familie hat – einen Sinn haben kann. Hesses Antwort: ja, gerade dieses Leben hat einen Sinn, weil es den Sesshaften ein Bild von Freiheit und Sehnsucht vor Augen führt. Knulp ist Vorklang des Steppenwolfs – des Außenseiters als notwendiger Spiegel der bürgerlichen Welt.
Quellen
- Hermann Hesse: Knulp. Drei Geschichten aus dem Leben Knulps. Erstausgabe S. Fischer Verlag, Berlin 1915.
- Wikipedia: Knulp – Entstehungszeit, Inhalt der drei Geschichten, Figuren, Schlüsselzitat aus „Das Ende“, Würdigung durch Stefan Zweig.
- Volker Michels (Hrsg.): Schriften zur Literatur, Band 1. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1972, S. 30 – Brief an Peter Suhrkamp vom 15. Januar 1942 mit Hesses Calw-Erinnerung.
- Bernhard Zeller (Bearb.): Hermann Hesse. Eine Chronik in Bildern. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, erweiterte Auflage 1977 – Titelblatt der Erstausgabe.