
„Die Morgenlandfahrt“ ist eine Erzählung Hermann Hesses, geschrieben zwischen Sommer 1930 und April 1931 und 1932 beim S. Fischer Verlag erschienen — mit Schutzumschlag und Einband des Malers Alfred Kubin. In Verbindung mit dem späteren Glasperlenspiel gewinnt sie den Charakter eines geistigen Vorspiels: hier klingen die Motive an, die in Kastalien später ihre große Form finden werden — der Gedanke des Dienens, die überpersönliche Hierarchie eines Reichs des Geistes und, im Bild des Bundesarchivs, die Zusammenschau der geistigen Kulturen aller Völker und Länder.
Inhalt: Die Reise des Bundes
Der Ich-Erzähler, der Violinspieler H. H. — Hesse hat dem Erzähler die eigenen Initialen gegeben —, berichtet von einer Wanderschaft, die er gemeinsam mit dem „Bund vom Hohen Stuhl“ unternommen hat: einer seltsamen Bruderschaft von hohen Geistern der Vergangenheit und Menschen der Gegenwart, von allen Sehnsüchtigen und Erleuchteten. Die Fahrt strebt nicht einem geographischen Morgenland zu, sondern verbindet die Teilnehmer zu einer geistigen Gemeinschaft — eine Reise durch die Geschichte und Zukunft, durch Räume und Zeiten, von Italien und der Schweiz ins zehnte Jahrhundert, zu den Patriarchen und zu den Feen.
Während der Reise verschwindet plötzlich Leo, der Lastträger des Bundes. Der Bund zerfällt, und H. H. verliert seine Spur. Jahre später, in einer öden und ihm fremd gewordenen Wirklichkeit, sucht er Leo wieder auf — in der Hoffnung, in ihm den Beweis dafür zu finden, dass der Bund untergegangen sei. Doch nicht der Bund hatte sich verloren, sondern H. H. selbst. Vor ein hohes Gericht des Bundes gestellt, erfährt er, dass auch sein Abfall nur Prüfung war; er wird freigesprochen und erkennt im einstigen Diener Leo nun den Obersten der Oberen.
Hauptfiguren
- H. H. — Ich-Erzähler und Bundesmitglied; Violinspieler, dessen Initialen die des Autors sind. Sein Lebensweg wird zum Gleichnis: durch Irrtum und Verzweiflung zu einer neuen Stufe des Menschseins.
- Leo — zunächst der Lastträger und Diener des Bundes, scheinbar einer der Geringsten. Erst am Ende der Erzählung zeigt sich, dass er der Oberste der Oberen ist — das Gesetz vom Dienen in einer Person verkörpert.
- Lukas — Zeitungsredakteur, Freund aus Jugendtagen; bewegt sich an der Grenze der weltlichen Wirklichkeit.
- Reale Persönlichkeiten als Bundesmitglieder — Hesse-Zeitgenossen wie der Maler Paul Klee und der Komponist Othmar Schoeck erscheinen unter ihren bürgerlichen Namen oder verschlüsselt in der Bundsphäre.
Themen und Bedeutung
Die Erzählung kreist um die Krise des modernen Künstlers — die Erfahrung, dass das einsame Virtuosentum nicht trägt, und die Notwendigkeit, das eigene Tun in einen überpersönlichen Sinn einzuordnen. Hesse selbst hat das Programm der Dichtung in einem Prospekt seines Verlags so zusammengefasst:
Das Thema ist die Vereinsamung des geistigen Menschen in unserer Zeit und die Not, sein persönliches Leben und Tun einem überpersönlichen Ganzen, einer Idee und einer Gemeinschaft einzuordnen. Das Thema der „Morgenlandfahrt“ ist: Sehnsucht nach Dienen, Suchen nach Gemeinschaft, Befreiung vom unfruchtbar einsamen Virtuosentum des Künstlers.
Die Selbstschau, der sich H. H. vor dem Bundesgericht stellen muss, führt ihn bis in die Verzweiflung — und gerade darin gelingt ihm, was dem Harry Haller des Steppenwolf verweigert blieb: das Bestehen der eigenen Prüfung. Diesseits dieser Verzweiflung leben die Kinder, jenseits — so der Roman — die Erwachten.
Hesses Schweizer Freunde im Bund
Über das Gleichnishafte hinaus enthält die Erzählung eine Fülle kleiner Anspielungen auf Hesses persönlichen Umkreis im Tessin und in der deutschsprachigen Schweiz. Im Bund klingt versteckter Dank an Schweizer Freunde an: Hans C. Bodmers Haus in Zürich erscheint als „Arche Noah“, Georg Reinhart in Winterthur als „der schwarze König“, das Haus Leuthold in Zürich gehört zu den „Kolonien des Königs von Siam“, und die große Bundesfeier wird im Bremgarten bei Max und Tilly Wassmer gefeiert — dort, wo auch Dr. Lang, Moser, Louis Moilliet und Othmar Schoeck teilnehmen und Hesse selbst manches Fest gefeiert hat.
Hesse hat zu dieser Symbolik in einem Brief an Alice Leuthold festgehalten:
Die Symbolik selbst braucht dem Leser ja gar nicht „klar“ zu werden, er soll nicht verstehen im Sinn von „erklären“, sondern er soll die Bilder in sich hineinlassen und ihren Sinn, das was sie an Lebens-Gleichnis enthalten, nebenher mit schlucken, die Wirkung stellt sich dann unbewusst ein.
Bezug zum „Glasperlenspiel“
„Die Morgenlandfahrt“ lässt sich als geistiges Vorspiel zu Hesses Spätwerk Das Glasperlenspiel (1943) lesen. Die wesentlichen Motive sind hier zum ersten Mal versammelt: der Gedanke des Dienens, die hierarchische Ordensgemeinschaft, das Archiv aller geistigen Traditionen. Im Glasperlenspiel werden sie zu einer ausgearbeiteten Welt — Kastalien — entfaltet; in der Morgenlandfahrt blitzen sie noch als Bilder, Träume und Wanderwege auf.
Entstehung und Veröffentlichung
Hesse begann mit der Arbeit an der Erzählung im Sommer 1930 und schloss sie im April 1931 ab. Ein Vorabdruck erschien noch 1931 in der von Martin Bodmer und Herbert Steiner herausgegebenen Zeitschrift Corona. Die Erstausgabe als Buch folgte 1932 beim S. Fischer Verlag in Berlin — der Schutzumschlag und Einband stammen vom Maler Alfred Kubin und prägen die ikonische Erscheinung der frühen Ausgabe.
Häufige Fragen zu „Die Morgenlandfahrt“
Worum geht es in „Die Morgenlandfahrt“?
Die Erzählung schildert eine Pilgerfahrt einer geheimen Bruderschaft, des „Bundes vom Hohen Stuhl“, durch Räume und Zeiten. Der Violinspieler H. H. — Ich-Erzähler mit Hesses Initialen — erlebt diese Fahrt, verliert in der Erinnerung den Bundesdiener Leo und damit zugleich seinen Halt. Erst durch eine Selbstschau vor dem Bundesgericht erkennt er, dass nicht der Bund sich verloren hat, sondern er selbst — und dass Leo, der einstige Diener, der Oberste der Oberen ist.
Wer ist Leo?
Leo ist im Bund der Morgenlandfahrer zunächst der Lastträger und Diener — scheinbar einer der Geringsten. Erst am Ende offenbart sich, dass er der „Oberste der Oberen“ ist und das Gesetz vom Dienen in einer Person verkörpert. Die Erzählung dreht die Hierarchie um: wer dient, ist der Höchste.
Welche Rolle spielt das „Morgenland“?
Das Morgenland der Erzählung ist kein geographisches Ziel, sondern ein geistiges. Hesse beschreibt es als „die Heimat und Jugend der Seele, … das Überall und Nirgends, … das Einswerden aller Zeiten“. Die Reise verläuft entsprechend durch reale und imaginäre Räume — von Italien und der Schweiz bis ins zehnte Jahrhundert oder zu den Patriarchen und Feen.
Wie hängt „Die Morgenlandfahrt“ mit dem „Glasperlenspiel“ zusammen?
„Die Morgenlandfahrt“ wirkt rückblickend als geistiges Vorspiel zum elf Jahre später erschienenen Glasperlenspiel. Die zentralen Motive — überpersönliche Ordensgemeinschaft, Gesetz vom Dienen, das Bundesarchiv als Zusammenschau aller geistigen Kulturen — werden in der Morgenlandfahrt erstmals angeschlagen und im Glasperlenspiel zu einer ausgearbeiteten Welt (Kastalien) entfaltet.
Wann erschien „Die Morgenlandfahrt“?
Hesse schrieb die Erzählung zwischen Sommer 1930 und April 1931. Ein Vorabdruck erschien 1931 in der Zeitschrift Corona. Die Erstausgabe als Buch folgte 1932 beim S. Fischer Verlag in Berlin — mit Schutzumschlag und Einband von Alfred Kubin.
Quellen
- Hermann Hesse: Die Morgenlandfahrt. Erstausgabe S. Fischer Verlag, Berlin 1932 (Schutzumschlag und Einband von Alfred Kubin).
- Wikipedia: Die Morgenlandfahrt — Entstehung, Vorabdruck Corona 1931, Erstausgabe 1932, Figurenkonstellation, dreiteilige Handlung, Bundesname „Bund vom Hohen Stuhl“.
- Hermann Hesse: Verlagsprospekt zur Morgenlandfahrt, S. Fischer Verlag (1932) — Eigenkommentar Hesses zum Thema des Buches.
- Hermann Hesse: Brief an Alice Leuthold — Eigenkommentar zur Symbolik der Erzählung.