
„Gertrud“ ist Hermann Hesses Roman von Liebe, Freundschaft und entsagendem Künstlertum. Geschrieben im Winter 1908/09 in Gaienhofen, erschien er 1909 zunächst als Fortsetzungsroman in „Velhagen & Klasings Monatsheften“, 1910 dann als Buch bei Albert Langen in München. Drei Manuskriptfassungen sind belegt; vom ursprünglichen Entwurf sind nur Teile erhalten. „Gertrud“ ist das einzige Werk, das Hesse selbst ausdrücklich als „Roman“ bezeichnet hat – während er Bücher wie Peter Camenzind oder Demian gattungsmäßig offener fasste.
Inhalt: die Lebensgeschichte des Komponisten Kuhn
Erzählt wird in Ich-Form aus rückblickender Perspektive die Lebensgeschichte des Komponisten Kuhn. Als Kind erleidet er einen Schlittenunfall, der ihn körperlich zeichnet; als Erwachsener wächst er trotz dieser Versehrtheit zum Künstler heran. Im Mittelpunkt der eigentlichen Handlung steht Kuhns Begegnung mit dem genialischen, lebensvollen Sänger Heinrich Muoth und mit Gertrud Imthor. Kuhn liebt Gertrud, verliert sie aber an den Freund Muoth. Nach Muoths frühem Tod bleibt Kuhn der Witwe in einer stillen Freundschaft verbunden. Der Roman endet mit Kuhns lakonischem Resümee über Gertrud: „Sie ist meine Freundin.“
Hauptfiguren
- Kuhn – Ich-Erzähler und Protagonist; Komponist, durch einen Schlittenunfall körperlich gezeichnet.
- Heinrich Muoth – Sänger, Kuhns genialischer Freund; heiratet Gertrud, stirbt früh.
- Gertrud Imthor – heimliche Liebe Kuhns, Ehefrau Muoths, später Witwe.
Hintergrund: Gaienhofener Jahre und Hesses Selbstkritik
„Gertrud“ entstand in Hesses Gaienhofener Jahren mit Maria Bernoulli, einer Zeit ehelicher Krisen und häufiger Alleinreisen. Hesse pflegte enge Beziehungen zur Schweizer Musikszene, vor allem zum Komponisten Othmar Schoeck; diese musikalischen Freundschaften prägen die Sänger- und Komponistenwelt des Romans. Hesse selbst hatte mit dem Buch zu kämpfen und beurteilte es in späteren Jahren als misslungen. 1910 ärgerte sich der S. Fischer Verlag über die Buchausgabe bei Albert Langen – Fischer war Hesses Hauptverlag, sah „Gertrud“ aber an Langen verloren.
Über die Resonanz des Buches schrieb Hesse an seinen Freund Conrad Haußmann am 27. Dezember 1910:
Neben kritiklosem Lob äußert sich stark auch jene Revanche der Presse, die einen Autor so lange als Genie ausgeschrien hat, bis sie müde wird und ihn plötzlich für einen Trottel erklärt.
Im selben Brief reflektiert Hesse über die Figur Gertrud selbst:
Daß Gertrud selbst als Person zu sehr im Halblicht bleibt, mag stimmen, sie war für mich weniger ein Charakter als ein Symbol und zugleich das Stimulans, dessen Kuhn zu seiner ganzen Entwicklung bedurfte.
Themen
„Gertrud“ entfaltet Hesses Lebensthemen in musikalischer Verkleidung: unerfüllte Liebe, Freundschaft und ihre Grenzen, Künstlertum und körperliche Versehrtheit, Selbstüberwindung durch musikalisches Schaffen. Wie schon in Peter Camenzind kontrastiert Hesse einen zurückhaltenden, in sich gekehrten Ich-Erzähler mit einer vitalen, lebensfrohen Freundesgestalt – ein Vorklang der Logos-und-Eros-Polarität, die er später in Narziß und Goldmund zu voller Form bringt.
Häufige Fragen zu „Gertrud“
Wann erschien „Gertrud“?
Zunächst 1909 als Fortsetzungsroman in „Velhagen & Klasings Monatsheften“, dann 1910 als Buch bei Albert Langen in München. Geschrieben hat Hesse den Roman im Winter 1908/09 in Gaienhofen am Bodensee.
Wovon handelt der Roman?
Vom Komponisten Kuhn, der nach einem Schlittenunfall in jungen Jahren körperlich gezeichnet ist. Er befreundet sich mit dem Sänger Heinrich Muoth und verliert seine heimliche Liebe Gertrud Imthor an den Freund. Nach Muoths frühem Tod bleibt Kuhn der Witwe in stiller Freundschaft verbunden.
In welcher Erzählform ist „Gertrud“ geschrieben?
Als Ich-Erzählung aus rückblickender Perspektive des Komponisten Kuhn. „Gertrud“ ist das einzige Werk, das Hesse selbst auf dem Titelblatt als „Roman“ bezeichnet hat.
Wie beurteilte Hesse selbst den Roman?
Kritisch. In späteren Jahren bezeichnete Hesse „Gertrud“ als misslungen. Schon 1910 räumte er gegenüber seinem Freund Conrad Haußmann ein, dass Gertrud als Person „zu sehr im Halblicht“ bleibe – sie sei für ihn weniger ein Charakter als ein Symbol gewesen.
Quellen
- Hermann Hesse: Gertrud. Erstausgabe Albert Langen, München 1910; Vorabdruck in Velhagen & Klasings Monatshefte, 1909–1910.
- Wikipedia: Gertrud (Hesse) – Entstehung, Manuskriptfassungen, Inhalt, Gattungsbezeichnung, Hesses Selbstkritik.
- Volker Michels (Hrsg.): Hermann Hesse. Gesammelte Briefe. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main – Brief an Conrad Haußmann vom 27. Dezember 1910.
- Bernhard Zeller (Bearb.): Hermann Hesse. Eine Chronik in Bildern. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, erweiterte Auflage 1977 – Titelblatt der Erstausgabe.