Der Liebende

von


Nun liegt dein Freund wach in der milden Nacht, Noch warm von dir, noch voll von deinem Duft, Von deinem Blick und Haar und Kuß – o Mitternacht, O Mond und Stern und blaue Nebelluft! In dich, Geliebte, steigt mein Traum Tief wie in Meer, Gebirg und Kluft hinein, Verspritzt in Brandung und verweht zu Schaum, Ist Sonne, Wurzel, Tier, Nur um bei dir, Um nah bei dir zu sein. Saturn kreist fern und Mond, ich seh sie nicht, Seh nur in Blumenblässe dein Gesicht, Und lache still und weine trunken, Nicht Glück, nicht Leid ist mehr, Nur du, nur ich und du, versunken Ins tiefe All, ins tiefe Meer, Darein sind wir verloren, Drin sterben wir und werden neugeboren.

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Dieses Gedicht findest du in:

Sämtliche Gedichte in einem Band: Hrsg. u. Nachw. v. Volker Michels

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Wann schrieb Hermann Hesse das Gedicht "Der Liebende"?

Wissenswertes

  • Achtzehn Verse — ein nächtliches Liebesbekenntnis ohne klassische Strophenform.
  • Eingangsbild: das lyrische Ich liegt wach, „noch warm" von der Geliebten, „noch voll von deinem Duft, / Von deinem Blick und Haar und Kuß — o Mitternacht".
  • Im Zentrum die Verschmelzungserfahrung: „Nur du, nur ich und du, versunken / Ins tiefe All, ins tiefe Meer" — die Liebenden lösen sich in einer kosmischen Tiefe auf.
  • Verwandtes Liebesgedicht aus benachbarter Schaffensphase: Liebeslied (1920).
  • Hesse verfasste das Gedicht im Juli 1921, mit etwa 44 Jahren.

Hans Kremer spricht "Der Liebende"

Quelle: Hermann Hesse, Sämtliche Gedichte in einem Band*
Herausgeber: Volker Michels, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1995