Die Nürnberger Reise

Auf einen Blick

Erscheinungsjahr
1927
Verlag
S. Fischer Verlag, Berlin
Gattung
Reisebericht
Erstauflage
Bericht über Lesungen im Spätherbst 1925 in süddeutschen Städten
Besonderheit
Humoristisch-kritisch und selbstironisch — ein sentimentalisches Intermezzo zwischen Werken ganz anderer Art

Cover von Hermann Hesses Reisebericht Die Nürnberger Reise, Erstausgabe 1927

„Die Nürnberger Reise“ ist Hermann Hesses essayistischer Reisebericht über eine Lesereise durch Süddeutschland im Spätherbst 1925. Das Buch erschien 1927 im S. Fischer Verlag in Berlin – im selben Jahr wie Der Steppenwolf. Bis 1942 erreichte es die 25. Tausend, also einen für ein essayistisches Nebenwerk respektablen Erfolg. Der Umschlag stammt von Hans Meid.

Die Reise: September bis November 1925

Hesse war eingeladen worden, im Spätherbst 1925 in verschiedenen süddeutschen Städten aus seinen Büchern vorzulesen. Nach langem Zögern entschloss er sich, der Aufforderung zu folgen. Von seinem Wohnort im Tessin reiste er über Locarno, Zürich und Tuttlingen zunächst zu seinem Freund Wilhelm Häcker nach Blaubeuren. Weitere Stationen waren Ulm, Augsburg, Nürnberg und München. Den Auftakt seiner Schwabenreise verdankte Hesse, wie er selbst gesteht, dem Bild der schönen Lau aus Mörikes „Stuttgarter Hutzelmännlein“ – Mörike war der literarische Anlass, der ihn dazu bestimmte, die Fahrt nach Schwaben und Franken anzutreten.

Inhalt: Reisebericht und essayistische Reflexion

Im Buch verflechten sich humoristisch-kritische Schilderungen mit allerlei grundsätzlichen Äußerungen. Hesse meditiert über sein Misstrauen gegen das öffentliche Vorlesen, gegen die Literatur seiner Zeit, gegen die Großstadt-Moderne mit ihrem Lärm, ihren Abgasen und Bahnhöfen – und über die Frage, ob er es nicht doch versäumt habe, sich der Wirklichkeit anzupassen. Er besucht Thomas Mann in München, trifft Joachim Ringelnatz und verbringt einen Abend bei Karl Valentin in den Kammerspielen. Das Buch endet in einer humoristisch gehaltenen Schlussbetrachtung, in der Hesse das Schreiben des Reiseberichts selbst kommentiert.

Hesses Misstrauen gegen die zeitgenössische Literatur

Ich habe gegen das öffentliche Vorlesen nicht nur jene, von Fall zu Fall leicht zu überwindenden Hemmungen des Alleinlebenden gegen gesellige Veranstaltungen, sondern ich stoße hier auf prinzipielle, tief verankerte Unordnungen und Zwiespälte. Sie liegen, allzu kurz und schroff gesagt, in meinem Mißtrauen gegen die Literatur überhaupt. Sie plagen mich nicht nur beim Vorlesen, sondern noch viel mehr beim Arbeiten.

Ich glaube nicht an den Wert der Literatur unsrer Zeit. Ich sehe zwar ein, daß jede Zeit ihre Literatur haben muß, wie sie ihre Politik, ihre Ideale, ihre Moden haben muß. Doch komme ich nie von der Überzeugung los, daß die deutsche Dichtung unserer Zeit eine vergängliche und verzweifelte Sache sei, eine Saat auf dünnem, schlecht bestelltem Boden gewachsen, interessant zwar und voll von Problematik, aber kaum zu reifen, vollen, langdauernden Resultaten befähigt.

Hermann Hesse: Die Nürnberger Reise (S. Fischer Verlag, Berlin 1927)

Themen: Altern, Großstadtmoderne, Humor

„Die Nürnberger Reise“ ist eines von Hesses ersten ausführlichen Bekenntnisbüchern zum einsamen Altern. Er war 48 Jahre alt, als er die Reise unternahm, und kurz vor dem Schreiben des Steppenwolfs – beide Werke teilen die zentrale Diagnose: dass der einsame Künstler an der modernen, motorisierten, lärmenden Welt leidet und ihren Geräuschen, Tempos und Bahnhöfen nichts mehr abgewinnen kann. Was die Reise dennoch erträglich macht, ist der Humor:

Und wieder spürte ich das Zucken zwischen Pol und Gegenpol, spürte über der Kluft zwischen Wirklichkeit und Schönheit das Schwanken der luftigen Brücke: den Humor. Ja, mit Humor war es zu ertragen, sogar die Bahnhöfe, sogar die Kasernen, sogar die literarischen Vorlesungen.

Hermann Hesse: Die Nürnberger Reise (S. Fischer Verlag, Berlin 1927)

Werkkontext: zwischen Klingsor und Steppenwolf

„Die Nürnberger Reise“ steht in Hesses Werkchronologie zwischen Klingsors letzter Sommer (1920) und Der Steppenwolf (1927). Stilistisch ist sie ein liebenswürdig-besinnliches Intermezzo zwischen Werken ganz anderer Art – ein Buch, das das Material und die Stimmung des Steppenwolfs in dokumentarischer Form vorbereitet.

Häufige Fragen zu „Die Nürnberger Reise“

Wann unternahm Hesse die Reise?

Von Ende September bis Ende November 1925 als Lesereise durch Süddeutschland. Hesse war damals 48 Jahre alt und lebte seit 1919 im Tessin.

Welche Städte besuchte Hesse?

Von Locarno aus reiste Hesse über Zürich und Tuttlingen nach Blaubeuren zu seinem Freund Wilhelm Häcker. Weitere Stationen waren Ulm, Augsburg, Nürnberg und München.

Wann erschien das Buch?

1927 im S. Fischer Verlag in Berlin – im selben Jahr wie Der Steppenwolf. Bis 1942 erreichte es die 25. Tausend.

Welche bekannten Künstler erwähnt Hesse im Buch?

Unter anderem Thomas Mann (in München), Joachim Ringelnatz und Karl Valentin, dessen Vorstellung in den Münchner Kammerspielen Hesse besuchte.

Worum geht es in „Die Nürnberger Reise“?

Um eine essayistische Reflexion über das Altern, die Einsamkeit, Hesses Abneigung gegen Großstadt-Moderne (Lärm, Abgase, Bahnhöfe) und die Sehnsucht nach einer älteren, vorindustriellen Kulturwelt. Inhaltlich und stimmungsmäßig bereitet das Buch Der Steppenwolf (1927) vor.

Quellen

  • Hermann Hesse: Die Nürnberger Reise. Erstausgabe S. Fischer Verlag, Berlin 1927.
  • Wikipedia: Die Nürnberger Reise – Reisestationen Locarno bis München, Erscheinungsdaten, Auflage bis 1942, Begegnungen mit Thomas Mann, Ringelnatz und Karl Valentin.
  • Bernhard Zeller (Bearb.): Hermann Hesse. Eine Chronik in Bildern. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, erweiterte Auflage 1977, S. 124 – Einband und Kassette der Erstausgabe.

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