Stufen
Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.
Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf‘ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!
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Dieses Gedicht findest du in:
Stufen: Ausgewählte Gedichte (insel taschenbuch)
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Wann schrieb Hermann Hesse das Gedicht "Stufen"?
Wissenswertes
- Der berühmte Vers „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne" ist in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen.
- „Stufen" wird in Hermann Hesses Roman Das Glasperlenspiel verwendet. Es wird darin einer umfangreichen Interpretation unterzogen. Auch die Umbenennung wird darin erklärt.
- Hesse nannte das Gedicht zuerst „Transzendieren!"
- Viel zitiert ist auch der Ausruf „Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!", in dem eine Personifikation des Herzens — die Darstellung von etwas Abstraktem in Gestalt einer Person — erkennbar ist.
- „Stufen" entstand im Mai 1941 nach langer Krankheit; Hesse war damals 63 Jahre alt.