
„Eine Bibliothek der Weltliteratur“ ist Hermann Hesses persönlicher Leseführer durch die Weltliteratur, erschienen 1929 in Reclams Universal-Bibliothek (Stuttgart/Leipzig). Der schmale Essay – heute rund 45 Seiten in der aktuellen Reclam-Ausgabe – steht in der Werkchronologie zwischen Der Steppenwolf (1927) und Narziß und Goldmund (1930). Über das Lesen, über den Umgang mit Büchern, über die Magie des Buches hat Hesse zahlreiche Essays, Betrachtungen und Skizzen geschrieben – aber dieser eine ist sein bekanntester programmatischer Text zum Thema.
Hesses Programm: eine offene, persönliche Auswahl
Hesse versteht Weltliteratur nicht als geschlossenen Kanon, sondern als das allmähliche Sichvertrautmachen mit dem ungeheuren Schatz von Gedanken, Erfahrungen, Symbolen, Phantasien und Wunschbildern, den die Vergangenheit uns in den Werken der Dichter und Denker vieler Völker hinterlassen hat. Dieser Weg sei endlos – niemand könne ihn jemals zu Ende gehen. Nicht darauf solle es ankommen, möglichst viel gelesen zu haben, sondern in einer freien, persönlichen Auswahl von Meisterwerken eine Ahnung zu bekommen von der Weite und Fülle des von Menschen Gedachten und Erstrebten.
Bildung im Sinne Hesses dient keinem äußeren Zweck, sondern trägt ihren Sinn in sich selbst. Sie ist Erfüllung und Antrieb zugleich und hilft, dem Leben einen Sinn zu geben, die Vergangenheit zu deuten und der Zukunft in furchtloser Bereitschaft offenzustehen.
Der echte Leser als Liebender
Den Kern des Essays bildet eine Definition des Lesens als Haltung:
Der echte Leser aber muß zum Liebenden werden. Lesen ohne Liebe, Wissen ohne Ehrfurcht, Bildung ohne Herz ist eine der schlimmsten Sünden gegen den Geist.
Hesses Auswahl: Europäischer Kanon und außereuropäische Texte
Die anschließende Beschreibung einer idealen kleinen Bibliothek bietet bei aller Knappheit einen imponierenden Überblick über die Dichtung der Völker. Hesse setzt den europäischen Kanon – Homer, Dante, Shakespeare, Molière, Balzac, Dickens, Dostojewski, Raabe – gleichberechtigt neben außereuropäische und mystische Texte: die Bhagavadgita, das I Ging, die Lyrik des persischen Dichters Hafis und die Schriften Meister Eckharts. Diese Gleichberechtigung von West und Ost ist 1929 alles andere als selbstverständlich – Hesse zieht sie aus seiner Indien-Familie (Großvater Hermann Gundert war Missionar in Indien) und aus seiner eigenen Beschäftigung mit indischer Religiosität, die sich auch in Siddhartha (1922) niedergeschlagen hatte.
Rezeption
Kurt Tucholsky bemerkte einmal, das kleine Bändchen stehe „wolkenkratzerhoch über den gangbaren Literaturgeschichten“. Die anhaltende Verfügbarkeit in Reclams Universal-Bibliothek – heute unter der ISBN 978-3-15-007003-1 – ist selbst der deutlichste Hinweis auf die ungebrochene Wirkung des Essays: nahezu ein Jahrhundert ohne Unterbrechung im Druck.
Häufige Fragen zu „Eine Bibliothek der Weltliteratur“
Wann erschien „Eine Bibliothek der Weltliteratur“?
1929 in Reclams Universal-Bibliothek (Stuttgart/Leipzig). Der Essay erscheint seit dieser Erstausgabe ununterbrochen in Reclams Reihe und ist heute unter der ISBN 978-3-15-007003-1 erhältlich.
Welche Form hat der Text?
Ein knapper Essay (heutige Reclam-Ausgabe rund 45 Seiten) – kein verbindlicher Kanon, sondern eine persönliche, offene Lese-Empfehlung. Hesse versteht Weltliteratur als endlosen Weg, nicht als geschlossene Liste.
Welche Autoren empfiehlt Hesse darin?
Unter anderem Homer, Dante, Shakespeare, Molière, Balzac, Dickens, Dostojewski und Wilhelm Raabe – daneben außereuropäische und mystische Texte wie die Bhagavadgita, das I Ging, die Lyrik des persischen Dichters Hafis und die Schriften Meister Eckharts.
In welchem Werkkontext steht der Essay?
1929 – zwischen Der Steppenwolf (1927) und Narziß und Goldmund (1930). Hesse war in dieser Phase ein vielgelesener Essayist und Rezensent und hatte sein indisch-mystisches Interesse bereits in Siddhartha (1922) erzählerisch entfaltet.
Quellen
- Hermann Hesse: Eine Bibliothek der Weltliteratur. Erstausgabe Reclams Universal-Bibliothek, Stuttgart 1929.
- Reclam Verlag: Eine Bibliothek der Weltliteratur – aktuelle Ausgabe (ISBN 978-3-15-007003-1), Beschreibung des Inhalts und der empfohlenen Autoren.
- Wikipedia: Weltliteratur – führt Hesses Essay als Standardreferenz im Themenfeld.