Klingsors letzter Sommer

Auf einen Blick

Erscheinungsjahr
1920
Verlag
S. Fischer Verlag, Berlin
Gattung
Erzählungen
Erstauflage
Band mit Kinderseele, Klein und Wagner und der Titelerzählung
Besonderheit
Erinnerung an den Sommer 1919 — Klingsor ist offensichtlich Hesse selbst

Cover von Hermann Hesses Erzählung Klingsors letzter Sommer, Erstausgabe 1920

„Klingsors letzter Sommer“ ist eine expressionistische Künstler-Erzählung Hermann Hesses, geschrieben im Sommer 1919 unmittelbar nach seiner Übersiedlung ins Tessin und erstmals 1920 beim S. Fischer Verlag erschienen. Im Zentrum steht der zweiundvierzigjährige Maler Klingsor — eine kaum verschlüsselte Selbstprojektion Hesses — der einen letzten, von Farbrausch, Liebe und Todesahnung gezeichneten Sommer durchlebt. In die Erzählung eingebettet ist auch eines von Hesses berühmtesten Gedichten: Vergänglichkeit.

Inhalt: Klingsors glühender letzter Sommer

Der Maler Klingsor verbringt seinen letzten Sommer in einem Schlößchen über einem Tessiner Tal. Er ist zweiundvierzig Jahre alt, allein, vom Tod beunruhigt und zugleich von einer maßlosen Leidenschaft für das Leben und die Kunst getrieben. Er malt, trinkt, liebt und schwankt zwischen Ausgelassenheit und Depression. Eine kurze Liebe mit der „Königin der Gebirge“ ist ein letztes Glück; sein Freund, der zurückhaltende Dichter Hermann, ist sein dialogischer Gegenpol.

Hesse setzt die zwei Figuren mit den klassischen chinesischen Dichtern Li Tai Pe und Thu Fu gleich — Klingsor der Abenteurer, Hermann der Leidende. Die Erzählung kreist auf Klingsors Ende zu: der Sommer wird zur konzentrierten Bilanz eines Lebens, das sich seines Endes bewusst wird.

Schauplatz: Hesses Tessin

Die Erzählung ist deutlich im Tessin angesiedelt — in einem Reigen von Dörfern, deren fiktive Namen reale Orte verschleiern: Kareno für Carona, Laguno für Lugano, Pampambio für Pambio. Hesse selbst war im Mai 1919 nach Montagnola gezogen; die Casa Camuzzi wurde sein Domizil für mehr als ein Jahrzehnt und ist die reale Vorlage für „Klingsors Schlößchen“. In einem späteren Rückblick beschreibt Hesse die Schreibsituation selbst:

Das war Klingsors Sommer. Die glühenden Tage wanderte ich durch die Dörfer und Kastanienwälder, saß auf dem Klappstühlchen und versuchte, mit Wasserfarben etwas von dem flutenden Zauber aufzubewahren, die warmen Nächte saß ich bis zu später Stunde bei offenen Türen und Fenstern in Klingsors Schlößchen und versuchte, etwas erfahrener und besonnener, als ich es mit dem Pinsel konnte, mit Worten das Lied dieses unerhörten Sommers zu singen. So entstand die Erzählung vom Maler Klingsor.

Hermann Hesse: Erinnerungen an Klingsors Sommer, Neue Schweizer Rundschau 1944/45

Hauptfiguren und ihre realen Vorbilder

  • Klingsor — der Maler im Zentrum; eine Selbstprojektion Hesses, der sich seit Anfang 1919 selbst in der Malerei versucht. Klingsor teilt mit Hesse den Geburtstag (2. Juli) und das Alter (42).
  • Hermann / Thu Fu — der zurückhaltende Dichter, zweite Selbstprojektion Hesses: das gemäßigtere Ich, das Klingsor überleben wird.
  • Louis der Grausame — Malerkollege und Reisegefährte, modelliert nach Hesses Freund, dem Maler Louis Moilliet.
  • Li Tai Pe — Künstlerfreund unter chinesischem Pseudonym.
  • Der armenische Sterndeuter — eine kosmische Gegenfigur, basierend auf Hesses Bekanntem Josef Englert.
  • „Königin der Gebirge“ — kurze Liebe Klingsors, Vorlage ist Ruth Wenger, der Hesse im Juli 1919 begegnete und die seine zweite Ehefrau wurde.

Themen und Bedeutung

Die Erzählung kreist um künstlerisches Schaffen, Todessehnsucht und Lebensgier, um den Farbrausch des Malers und um den Niedergang Europas nach dem Ersten Weltkrieg. Sie markiert für Hesse das neue Ideal des „Sich-selbst-Lebens“ — radikales Eintauchen in die eigene Existenz nach der Krise der Kriegsjahre.

Klingsor und Hermann sind keine Gegensätze, sondern zwei Stadien desselben Ich: was Hesse im Sommer 1919 geworden war, und der zurückhaltendere Mensch, der wieder hervortreten sollte, nachdem Klingsor verschwunden war. Hesse selbst formuliert das Vorhaben in einem Brief an Mathilde Schwarzenbach vom 30. Dezember 1919:

Ich habe das Gefühl in mir erneuert, daß meine Seele im Kleinen ein Stück Menschheitsentwicklung darstellt, und daß im Grunde jede kleinste Zuckung in uns so wichtig ist wie Krieg und Frieden in der äußeren Welt […] Ich habe im Sinn, nochmals ganz von Neuem den Kampf mit der Form aufzunehmen, um für die neuen Inhalte, die ich zu sagen habe, den Ausdruck zu finden.

Hermann Hesse an Mathilde Schwarzenbach, 30. Dezember 1919

Das eingebettete Gedicht „Vergänglichkeit“

In die Erzählung eingebettet ist eines von Hesses berühmtesten Gedichten: Vergänglichkeit mit dem Eingangsbild „Vom Baum des Lebens fällt mir Blatt um Blatt“. Hesse legt das Gedicht der Hermann/Thu-Fu-Figur in den Mund — einem chinesischen Dichter-Alter-Ego — und macht damit eine seiner zentralen lyrischen Bilanzen über das Vergehen zur Stimme aus dem Werk selbst.

Entstehung und Veröffentlichung

Hesse schrieb „Klingsors letzter Sommer“ im Sommer 1919, unmittelbar nach seiner Übersiedlung nach Montagnola. Ein Vorabdruck erschien im Dezember 1919 in der Zeitschrift Die neue Rundschau. Die Erstausgabe als Buch folgte 1920 beim S. Fischer Verlag als Sammelband, der zunächst auch die Erzählungen Kinderseele und Klein und Wagner enthielt.

Häufige Fragen zu „Klingsors letzter Sommer“

Worum geht es in „Klingsors letzter Sommer“?

Die Erzählung schildert den letzten Sommer des zweiundvierzigjährigen Malers Klingsor im Tessin: einen Rausch aus Farben, Liebe, Wein und Todesahnung. Klingsor ist eine kaum verschlüsselte Selbstprojektion Hesses, der im Sommer 1919 nach Montagnola gezogen war und dort selbst zu malen begann. In die Handlung eingebettet ist das Gedicht Vergänglichkeit.

Wer ist Klingsor?

Klingsor ist ein Maler, zweiundvierzig Jahre alt, von der Kunst und vom Leben besessen. Er trägt Hesses Geburtstag (2. Juli) und dessen Alter (42 Jahre im Jahr 1919) — eine direkte Selbstprojektion. Sein Freund Hermann, ein zurückhaltender Dichter, ist die zweite Selbstprojektion Hesses; die beiden Figuren werden mit den chinesischen Dichtern Li Tai Pe und Thu Fu gleichgesetzt.

Wo spielt die Erzählung?

Die Erzählung spielt im Tessin, in einer Reihe von Dörfern mit fiktiven Namen: Kareno (Carona), Laguno (Lugano) und Pampambio (Pambio). Die reale Vorlage für „Klingsors Schlößchen“ ist die Casa Camuzzi in Montagnola, in die Hesse im Mai 1919 zog.

Welches Gedicht ist in der Erzählung enthalten?

Das berühmte Gedicht Vergänglichkeit mit dem Eingangsbild „Vom Baum des Lebens fällt mir Blatt um Blatt“ ist Teil der Erzählung. Hesse legt es seinem Dichter-Alter-Ego Hermann / Thu Fu in den Mund.

Wann erschien „Klingsors letzter Sommer“?

Ein Vorabdruck erschien im Dezember 1919 in der Zeitschrift Die neue Rundschau. Die erste Buchausgabe folgte 1920 beim S. Fischer Verlag als Sammelband zusammen mit den Erzählungen Kinderseele und Klein und Wagner.

Quellen

  • Hermann Hesse: Klingsors letzter Sommer. Erstausgabe S. Fischer Verlag, Berlin 1920.
  • Wikipedia: Klingsors letzter Sommer — Entstehung, Veröffentlichung, Figurenvorbilder, Schauplätze.
  • Volker Michels (Hrsg.): Schriften zur Literatur Band 1. Erinnerungen an Klingsors Sommer, Neue Schweizer Rundschau, 1944/45. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1972, S. 43 ff. — Klingsor-Zitat.
  • Ursula u. Volker Michels (Hrsg.): Gesammelte Briefe. Erster Band 1895–1921. Brief an Mathilde Schwarzenbach vom 30.12.1919. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1973, S. 433 — Mathilde-Schwarzenbach-Brief.
  • Bernhard Zeller (Bearb.): Hermann Hesse. Eine Chronik in Bildern. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, erweiterte Auflage 1977, S. 99 — Titelblatt-Abbildung.

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