Siddhartha

Auf einen Blick

Erscheinungsjahr
1922
Verlag
S. Fischer Verlag, Berlin
Gattung
Erzählung
Erstauflage
Entstanden zwischen 1919 und 1922 in Montagnola
Besonderheit
In zwölf indische Sprachen übersetzt — Ertrag einer 20-jährigen Vertrautheit mit östlicher Weisheit

Cover von Hermann Hesses Erzählung Siddhartha. Eine indische Dichtung, Erstausgabe 1922

„Siddhartha. Eine indische Dichtung“ ist Hermann Hesses Erzählung über die Suche nach Erleuchtung, geschrieben von Dezember 1919 bis Mai 1922 in Montagnola und im Herbst 1922 beim S. Fischer Verlag erschienen — gewidmet dem französischen Freund Romain Rolland. Das Werk schildert den Weg eines jungen Brahmanensohns durch Askese, Buddha-Begegnung, Welt der Sinne und schließlich zur Erleuchtung am Fluss. Es ist Hesses literarisch dichteste Auseinandersetzung mit indischem Denken und gehört zu seinen meistübersetzten Büchern.

Inhalt: Siddharthas Weg

Siddhartha, Sohn aus vornehmem Brahmanengeschlecht, verlässt mit seinem Freund Govinda die geistige Welt, in der er erzogen wurde — sie genügt ihm nicht mehr. Beide schließen sich einer Asketensekte an und leben drei Jahre als Samanas in äußerster Selbstkasteiung. Doch die Erkenntnis, nach der Siddhartha dürstet, findet er nicht im Verzicht.

Die beiden Freunde begegnen Gotama Buddha. Govinda, gebannt von der Lehre des Erhabenen, schließt sich seiner Sangha an. Siddhartha aber erkennt: das Geheimnis kann nicht gelehrt, sondern nur erlebt werden. Er trennt sich von Govinda und tritt in die Welt der Sinne ein. Die Kurtisane Kamala wird seine Liebeslehrerin, der Kaufmann Kamaswami sein Geschäftslehrer. Reichtum und Macht häufen sich an, doch im Inneren bleibt er Samana. Angeekelt von sich selbst verlässt er die Welt der Kindermenschen.

An einem Fluss findet er den alten Fährmann Vasudeva und wird sein Gehilfe. Vom Fluss lernt er — das Geheimnis aller Erscheinungen: die Einheit im ewigen Wandel, die Dauer im Vergehen. Als Kamala mit ihrem gemeinsamen Sohn stirbt und Siddhartha vergeblich versucht, den Sohn an sich zu binden, vollzieht sich in ihm die letzte Wandlung: die Erleuchtung. Am Ende kehrt Govinda zurück, sieht in Siddharthas Lächeln das Lächeln des Vollendeten und erkennt: Siddhartha bedeutet im Sanskrit „der, der sein Ziel erreicht hat“.

Hauptfiguren

  • Siddhartha — Ich-Erzähler und Protagonist; Brahmanensohn auf der Suche nach Erleuchtung, durchläuft Askese, Sinneswelt und Erkenntnis am Fluss.
  • Govinda — Jugendfreund und Gefährte; folgt dem Buddha, sucht Erleuchtung im Orden.
  • Gotama Buddha — der historische „Erhabene“, den Siddhartha einmal begegnet, dessen Lehre er bewundert, ohne sich ihr anzuschließen.
  • Kamala — die schönste Kurtisane der Stadt, Siddharthas Liebeslehrerin und Mutter seines Sohnes.
  • Kamaswami — Kaufmann, der Siddhartha in die Welt des Handels und des Reichtums einführt.
  • Vasudeva — der alte Fährmann am Fluss, schweigsamer Lehrer; selbst längst erleuchtet.
  • Der Sohn — Siddharthas später erwachsener Sohn; an ihm erfährt Siddhartha die letzte und schmerzhafteste Loslassen-Lektion.

Aufbau des Buches

„Siddhartha“ gliedert sich in zwei Teile mit insgesamt zwölf Kapiteln: vier im ersten Teil (vom Brahmanensohn über die Samana-Zeit und die Buddha-Begegnung bis zum Erwachen), acht im zweiten Teil (von Kamala und der Welt der Kindermenschen über die Verzweiflung am Fluss und die Fährmann-Jahre bis zur Erleuchtung und der abschließenden Begegnung mit Govinda).

Themen und Bedeutung

Die Erzählung kreist um die Frage, wie Erleuchtung sich vermitteln lässt — und gibt eine Antwort, die zugleich östlich und westlich ist: nicht durch eine Lehre, sondern allein durch das eigene Erleben. Hesse hat selbst betont, dass es ihm dabei nicht um eine Übernahme indischer Weisheit ging, sondern um deren Verwandlung in eine zutiefst europäische, individualistische Sicht des Heilswegs:

Siddhartha ist ein sehr europäisches Buch, trotz seines Milieus, und die Siddhartha-Lehre geht so stark vom Individuum aus und nimmt es so ernst wie keine asiatische Lehre es tut. […] Siddhartha ist der Ausdruck meiner Befreiung vom indischen Denken. […] Der Weg meiner Befreiung aus jedem Dogma führt bis Siddhartha und geht natürlich weiter, wenn ich am Leben bleibe.

Hermann Hesse: Briefe an Rudolf Schmidt (18. Januar 1925) und Marie-Louise Dumont (Februar 1929), in: Gesammelte Briefe, Band 2 (Suhrkamp 1973)

Hesses Indien-Auseinandersetzung und internationale Wirkung

Hesse selbst hat den Inhalt des Buches als Ertrag „einer bald 20jährigen Vertrautheit mit den Gedanken Indiens und Chinas“ bezeichnet. Während sein zehn Jahre zuvor erschienenes Indien-Buch Aus Indien (1913) noch ein äußeres Bild des Subkontinents lieferte, beweist „Siddhartha“, wie tief Hesse sich in die geistige Welt östlicher Weisheit eingelebt hatte. Diese Innigkeit blieb auch indischen Lesern nicht verborgen: Ein indischer Gelehrter, dem Hesse auf einem internationalen Kongress in Lugano begegnete, erklärte nach dem Vorlesen des Schlusskapitels, es sei ihm unfassbar, einen Europäer zu finden, der wirklich ins Zentrum des indischen Denkens gelangt sei. Die Dichtung wurde in zwölf indische Sprachen übersetzt.

Über die spezifisch indischen Bezüge hinaus formulierte Hesse für die persische Ausgabe seinen religiösen Universalismus:

Ich suchte das zu ergründen, was allen Konfessionen und allen menschlichen Formen der Frömmigkeit gemeinsam ist, was über allen nationalen Verschiedenheiten steht, was von jeder Rasse und von jedem Einzelnen geglaubt und verehrt werden kann.

Hermann Hesse: An die persischen Leser des „Siddhartha“ (1958), in: Schriften zur Literatur Band 1 (Suhrkamp 1972)

Autobiografisch lässt sich „Siddhartha“ auch als eine weitere Selbstdarstellung lesen — als Versuch, sich von der pietistischen Welt der Väter zu befreien. Hesse selbst hat das bestätigt: Die Dichtung sei zugleich die Darlegung seines eigenen Glaubens.

Entstehung und Veröffentlichung

Hesse schrieb „Siddhartha“ zwischen Dezember 1919 und Mai 1922 in Montagnola — die Niederschrift fiel mitten in seine prägende Tessiner Zeit, kurz nach der Übersiedlung in die Casa Camuzzi. Vorabdrucke einzelner Kapitel erschienen in der Neuen Zürcher Zeitung (August 1920), in den Basler Nachrichten (Mai 1921), in der Zeitschrift Genius (September 1921) und in der Neuen Rundschau (Juli 1922). Die Erstausgabe folgte im Herbst 1922 beim S. Fischer Verlag in Berlin mit einer Auflage von 6.050 Exemplaren — gewidmet dem französischen Freund und Pazifisten Romain Rolland.

Häufige Fragen zu „Siddhartha“

Worum geht es in „Siddhartha“?

Die Erzählung schildert den Weg des Brahmanensohns Siddhartha vom geistigen Erbe seiner Familie über die Askese der Samanas, die Begegnung mit Gotama Buddha, die Welt der Sinne (Liebe, Reichtum, Macht) und die schmerzhafte Loslassen-Erfahrung als Vater bis zur Erleuchtung als Gehilfe des Fährmanns Vasudeva am Fluss. Im Kern eine indische Dichtung über die Frage, ob Erleuchtung lehrbar ist — Hesses Antwort: nicht gelehrt, nur erlebt.

Was bedeutet der Name Siddhartha?

„Siddhartha“ ist Sanskrit und bedeutet „derjenige, der sein Ziel erreicht hat“. Hesse wählt den Namen programmatisch: am Ende der Erzählung ist der Protagonist seinem Namen gerecht geworden.

Ist Siddhartha derselbe wie Buddha?

Nein. Der historische Buddha trug zwar den Geburtsnamen Siddhartha Gautama, aber Hesses Protagonist ist eine eigene Figur. Im Roman begegnet Siddhartha dem historischen Buddha — hier Gotama genannt — als Zeitgenossen, hört seine Lehre und geht doch einen anderen Weg, weil ihm Erleuchtung nicht lehrbar erscheint.

Welche Rolle spielt der Fluss?

Der Fluss ist das zentrale Symbol des Buches. An ihm — als Gehilfe des alten Fährmanns Vasudeva — lernt Siddhartha das Geheimnis aller Erscheinungen: die Einheit im ewigen Wandel, die Dauer im Vergehen, das gleichzeitige Sein aller Zeiten. Der Fluss spricht in vielen Stimmen, und in seinem letzten gemeinsamen Lauschen mit Vasudeva geschieht Siddharthas Erleuchtung.

Wann erschien „Siddhartha“?

Hesse schrieb die Erzählung zwischen Dezember 1919 und Mai 1922 in Montagnola. Einzelne Kapitel erschienen ab August 1920 in mehreren Zeitschriften als Vorabdruck (NZZ, Basler Nachrichten, Genius, Neue Rundschau). Die Erstausgabe folgte im Herbst 1922 beim S. Fischer Verlag mit 6.050 Exemplaren, gewidmet Romain Rolland.

Quellen

  • Hermann Hesse: Siddhartha. Eine indische Dichtung. Erstausgabe S. Fischer Verlag, Berlin Herbst 1922.
  • Wikipedia: Siddhartha. Eine indische Dichtung — Entstehungszeitraum, Vorabdrucke, Erstauflage, Figurenkonstellation, Widmung an Romain Rolland.
  • Ursula u. Volker Michels (Hrsg.): Gesammelte Briefe, Band 2. Brief an Rudolf Schmidt vom 18. Januar 1925 und Brief an Marie-Louise Dumont, Februar 1929, S. 96 f. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1973 — „Europäisches Buch“-Zitat.
  • Volker Michels (Hrsg.): Schriften zur Literatur Band 1. „An die persischen Leser des Siddhartha“ (1958), S. 50. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1972 — Universalismus-Zitat.
  • Volker Michels (Hrsg.): Hermann Hesse. Sein Leben in Bildern und Texten. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1979 — Titelblatt-Abbildung und Lugano-Anekdote.
  • Bernhard Zeller (Bearb.): Hermann Hesse. Eine Chronik in Bildern. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, erweiterte Auflage 1977 — biografischer Kontext.

Siddhartha. Eine indische Dichtung

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