Demian

Auf einen Blick

Erscheinungsjahr
1919
Verlag
S. Fischer Verlag, Berlin
Gattung
Roman
Erstauflage
1917 in wenigen Monaten in Bern niedergeschrieben
Besonderheit
Wichtigstes Werk der Umbruchperiode — Frucht der Begegnung mit der Psychoanalyse

Cover von Hermann Hesses Roman Demian, Erstausgabe 1919

„Demian. Die Geschichte von Emil Sinclairs Jugend“ ist Hermann Hesses erster großer Roman nach der Krise des Ersten Weltkriegs — geschrieben im September und Oktober 1917 in Bern, vorabgedruckt 1919 in der Neuen Rundschau und im selben Jahr beim S. Fischer Verlag erschienen. Hesse veröffentlichte das Buch unter dem Pseudonym Emil Sinclair; erst im Sommer 1920 musste er sich öffentlich zu seiner Autorschaft bekennen. Der Roman wurde zum Generationsbuch der heimkehrenden Soldaten und hat sich seither in mindestens 27 Sprachen verbreitet.

Inhalt: Emil Sinclairs Jugend

Der zehnjährige Emil Sinclair lebt in der warmen, geborgenen Welt seines pietistischen Elternhauses. Eine erste Berührung mit der „anderen Welt“ — Lügen, Diebstahl, dem Bösen — bringt der ältere Volksschüler Franz Kromer, der den Knaben erpresst und in seine Macht zieht. Aus dieser Erpressung befreit ihn ein Mitschüler, der mehrere Jahre ältere und rätselhafte Max Demian — eine Figur, deren Namen Hesse nach eigener Aussage in einem Traum fand.

Demian wird zum geistigen Bruder Sinclairs und führt ihn nach und nach in eine eigene Sinnsuche: in eine ungewöhnliche Lesart der Kain-Geschichte, in das Wissen um die Symbole, in die Gemeinschaft jener, die das „Zeichen“ auf der Stirn tragen. Auf dem Gymnasium in „St.“ durchlebt Sinclair eine Phase der Verlorenheit, vergöttert eine ferne junge Frau, der er den Namen Beatrice gibt, und wird in einer Knabenpension vom Organisten Pistorius — einem ehemaligen Theologiestudenten — in die Welt antiker Gottheiten eingeführt, vor allem in das Geheimnis des Abraxas.

Später, an der Universität „H.“, findet Sinclair zu Demian zurück und begegnet Frau Eva, Demians Mutter, die er zugleich als Geliebte und als mütterliches Urbild liebt. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs zerstreut sich der Kreis. Sinclair zieht als Soldat in den Krieg, wird verwundet — und sieht im Fieber Demians Gesicht. Der Roman endet mit einer Wendung nach innen: Sinclair hat den Weg zur eigenen Verantwortung gefunden und braucht den äußeren Freund nicht mehr.

Hauptfiguren

  • Emil Sinclair — Ich-Erzähler und Protagonist; vom zehnjährigen Lateinschüler über den Gymnasiasten und Studenten bis zum jungen Soldaten.
  • Max Demian — einige Jahre älterer Mitschüler, der Sinclair aus Kromers Erpressung befreit und sein lebenslanger geistiger Führer wird.
  • Frau Eva — Demians Mutter; Verkörperung des mütterlichen Urbilds und zugleich Sinclairs erotisches Sehnsuchtsbild.
  • Pistorius — Organist und ehemaliger Theologiestudent in der Pensionsstadt; spiritueller Mentor Sinclairs. Sein Vorbild ist Hesses Analytiker Joseph Bernhard Lang.
  • Franz Kromer — Volksschüler, der den jungen Sinclair erpresst und ihn in die „andere Welt“ des Bösen zieht.
  • Beatrice — eine junge Frau, die Sinclair aus der Ferne idealisiert — der Name spielt auf Dantes Beatrice Portinari an.
  • Knauer — Mitschüler Sinclairs, ein weiterer spirituell Suchender.

Symbole und Schlüsselmotive

Der Roman lebt von wenigen, immer wiederkehrenden Bildern. Schon zu Beginn erkennt Sinclair die Existenz zweier Welten: die warm, licht und geborgen wirkende Welt des Elternhauses, und die verbotene, dunkle, bösartige Welt der Straße. Demians neue Lesart von Kain und Abel macht das Stigma der Außenseiter zum Zeichen der Überlegenheit — das Kainszeichen als Mal derer, die nicht zur Herde gehören.

Das zentrale Symbol ist der Sperber, der im Stein über der Türschwelle von Sinclairs Elternhaus eingemeißelt ist und in seinen Träumen wieder und wieder auftaucht: ein Vogel, der sich aus dem Ei zu seinem Wappen kämpft. Im berühmtesten Bild des Romans heißt es: „Der Vogel kämpft sich aus dem Ei. Das Ei ist die Welt. Wer geboren werden will, muss eine Welt zerstören. Der Vogel fliegt zu Gott. Der Gott heißt Abraxas.“ Abraxas ist die gnostische Gottheit, die Göttliches und Teuflisches in sich vereint — Hesses Sinnbild für die Überwindung des dualistischen Denkens.

Themen und Bedeutung

Im Kern ist „Demian“ ein Roman der Individuation — Hesses Begriff für die Selbstwerdung des Einzelnen aus den Vorprägungen seiner Welt. Er steht in der Linie von Narziß und Goldmund (Logos und Eros, Jung-Archetypen) und Der Steppenwolf (Selbstprüfung des modernen Bürgers), und kündigt das Bund-Motiv an, das Hesse später im Glasperlenspiel zur ausgearbeiteten Welt entfaltet. Hesse selbst hat das Programm des Romans in einem Brief an Marie-Louise Dumont 1929 so umschrieben:

Der „Demian“ handelt von einer ganz bestimmten Aufgabe und Not der Jugend, welche freilich mit der Jugend nicht aufhört, aber doch sie am meisten angeht. Es ist der Kampf um die Individualisierung, um das Entstehen einer Persönlichkeit. […] Der „Demian“ zeigt gerade jene Seite im Kampf um die werdende Persönlichkeit, die den Erziehern die unbequemste ist. Der werdende junge Mensch, wenn er den Drang zu starker Individualisierung hat, wenn er vom Durchschnitts- und Allerweltstyp stark abweicht, kommt notwendig in Lagen, die den Anschein des Verrückten haben. […] Es gilt nun nicht, seine „Verrücktheiten“ der Welt aufzuzwingen und die Welt zu revolutionieren, sondern es gilt, sich für die Ideale und Träume der eigenen Seele gegen die Welt so viel zu wehren, daß sie nicht verdorren.

Hermann Hesse: Brief an Marie-Louise Dumont, Februar 1929, in: Gesammelte Briefe, Band 2 (Suhrkamp 1973)

Biografischer Hintergrund

„Demian“ ist die Frucht von Hesses tiefster persönlicher Krise. Im März 1916 starb sein Vater Johannes Hesse; sein Sohn Martin erkrankte schwer; seine Ehe mit Maria Bernoulli ging in einen Zusammenbruch. Hesse selbst war seit 1914 als Kriegskritiker im Visier der deutschen Presse und arbeitete an der Berner Kriegsgefangenenfürsorge bis zur Erschöpfung. Ab Mai 1916 unterzog er sich einer Psychotherapie bei Joseph Bernhard Lang — einem Schüler von C. G. Jung — die bis November 1917 dauerte; die Niederschrift von „Demian“ fällt mitten in diese therapeutische Arbeit und ist literarisch zugleich deren Frucht. Pistorius, der Organist mit den gnostischen und kabbalistischen Interessen, trägt Züge dieses Analytikers.

Auch die äußere Lebensgeschichte Sinclairs spielt mit Hesses eigenen Jugendjahren in Calw und am Gymnasium. Beide haben einen strengen Vater, eine sanfte Mutter, zwei Schwestern; beide erleben einen Bruch mit der pietistischen Welt der Herkunft.

Pseudonym „Emil Sinclair“ und die Fontane-Preis-Affäre

Hesse veröffentlichte „Demian“ 1919 unter dem Pseudonym Emil Sinclair — zum einen aus dem Empfinden, „der diese Dichtung schrieb, [war] nicht Hesse“ mehr, sondern ein anderer Mensch nach der Krise; zum anderen wollte er die junge Lesergeneration „nicht durch den bekannten Namen eines alten Onkels abschrecken“. Das Buch hatte sofortige Wirkung. Noch 1919 erhielt es den Fontane-Preis für ein „Erstlingswerk“ — ausgezahlt an Hesse als angeblichen Sachwalter Sinclairs.

Im Juni 1920 forderte Eduard Korrodi in der Neuen Zürcher Zeitung den unbekannten Sinclair auf, sich zu erkennen zu geben — die Sprache der Dichtung sei zu unverkennbar Hessesch. Im Juli 1920 bekannte sich Hesse in der Zeitschrift Vivos voco öffentlich zu seiner Autorschaft. Den Fontane-Preis gab er 1920 zurück, da er ihm nicht als Erstlingswerk-Autor zustand. Ab der 4. Auflage 1920 erschien der Roman mit seinem Klarnamen — der Untertitel „Die Geschichte von Emil Sinclairs Jugend“ blieb erhalten.

Wirkung als Generationsbuch

Die Wirkung von „Demian“ auf die heimkehrende Kriegsgeneration war außergewöhnlich. Thomas Mann beschrieb sie rückblickend so: „eine ganze Jugend […] wähnte, aus ihrer Mitte sei ihr ein Künder ihres tiefsten Lebens erstanden (während es ein schon Zweiundvierzigjähriger war, der ihr gab, was sie brauchte).“ Die Rezeptionsgeschichte verläuft seither wellenartig, im Rhythmus von Krisenzeiten:

  • 1942: das Reichsministerium für Volksaufklärung verhängt einen Verlegestopp für Hesses Bücher beim S. Fischer Verlag.
  • 1970er Jahre: Hippie-Generation der USA macht Hesse zum Kultautor; bis 1976 sind etwa 1,5 Millionen Exemplare verkauft.
  • 2016: die südkoreanische Band BTS zitiert „Demian“ in Musikvideos und Kurzfilmen; das Buch erreicht in Südkorea erneut Bestseller-Status.
  • Heute: Schullektüre-Klassiker, übersetzt in mindestens 27 Sprachen.

Häufige Fragen zu „Demian“

Worum geht es in „Demian“?

Der Roman schildert die Jugend des Emil Sinclair vom zehnjährigen Lateinschüler bis zum jungen Soldaten im Ersten Weltkrieg. Im Zentrum steht seine Selbstwerdung — angeleitet vom rätselhaften, älteren Mitschüler Max Demian, von dessen Mutter Frau Eva und vom Organisten Pistorius. Sinclair lernt, die „zwei Welten“ der bürgerlichen Ordnung und des Dunklen in sich auszuhalten und seinem eigenen inneren Bild zu folgen.

Wer ist Max Demian?

Max Demian ist ein einige Jahre älterer Mitschüler Sinclairs, der ihn aus der Erpressung durch Franz Kromer befreit und zu seinem lebenslangen geistigen Führer wird. Hesse hat den Namen nach eigener Aussage in einem Traum gefunden — Demian klingt nach Dämon, dem inneren Führungs- oder Schicksalsgeist. Mit seiner Mutter Frau Eva bildet er das Zentrum des kleinen Kreises der „Gezeichneten“, denen Sinclair zugehört.

Warum erschien „Demian“ unter dem Pseudonym Emil Sinclair?

Hesse veröffentlichte „Demian“ 1919 unter dem Pseudonym Emil Sinclair, weil er sich nach der Krise des Ersten Weltkriegs als veränderter Mensch fühlte und die junge Lesergeneration nicht durch seinen bekannten Namen abschrecken wollte. Der Roman erhielt 1919 den Fontane-Preis als Erstlingswerk; im Juni 1920 forderte Eduard Korrodi in der Neuen Zürcher Zeitung Sinclair auf, sich zu erkennen zu geben. Im Juli 1920 bekannte sich Hesse in der Zeitschrift Vivos voco als Autor und gab den Fontane-Preis zurück. Ab der 4. Auflage 1920 erschien der Roman unter Hesses Namen.

Was bedeutet Abraxas in „Demian“?

Abraxas ist eine spätantik-gnostische Gottheit, die Göttliches und Teuflisches in einer einzigen Figur vereint. Im Roman steht Abraxas für Hesses zentralen Gedanken: die Überwindung des dualistischen Denkens, das Gut und Böse als getrennte Welten begreift. Sinclair lernt durch Pistorius und Demian, beide Pole in sich anzuerkennen — und genau darin liegt seine Individuation.

Wann erschien „Demian“?

Hesse schrieb „Demian“ im September und Oktober 1917 in Bern, in einem dreiwöchigen Arbeitsrausch. Ein Vorabdruck erschien 1919 in der Neuen Rundschau; im selben Jahr folgte die Buchausgabe beim S. Fischer Verlag in Berlin unter dem Pseudonym Emil Sinclair. Ab der 4. Auflage 1920 trug das Buch Hesses Klarnamen.

Quellen

  • Hermann Hesse: Demian. Die Geschichte von Emil Sinclairs Jugend. Erstausgabe S. Fischer Verlag, Berlin 1919 (unter dem Pseudonym Emil Sinclair).
  • Wikipedia: Demian — Entstehung, Pseudonym-Geschichte und Fontane-Preis-Affäre, Aufbau, Figurenkonstellation, Symbole (Abraxas, Kainszeichen, Sperber), Hesses Psychotherapie bei Joseph Bernhard Lang, Rezeptionsgeschichte (NS-Verlegestopp 1942, US-Hippie-Welle 1970er, BTS-Renaissance 2016).
  • Ursula u. Volker Michels (Hrsg.): Gesammelte Briefe, Band 2. Brief an Marie-Louise Dumont, Februar 1929. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1973 — Hesse zur Individuationsthematik des Romans.
  • Bernhard Zeller (Bearb.): Hermann Hesse. Eine Chronik in Bildern. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, erweiterte Auflage 1977, S. 86 — Titelblatt-Abbildung und biografischer Kontext.
  • Thomas Mann: rückblickende Würdigung der „elektrisierenden Wirkung“ des Romans auf die heimkehrende Kriegsgeneration.

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