Die Welt unser Traum
Nachts im Traum die Städt‘ und Leute,
Ungeheuer, Luftgebäude,
Alle, weißt du, alle steigen
Aus der Seele dunklem Raum,
Sind dein Bild und Werk, dein eigen,
Sind dein Traum.
Geh am Tag durch Stadt und Gassen,
Schau in Wolken, in Gesichter,
Und du wirst verwundert fassen:
Sie sind dein, du bist ihr Dichter!
Alles, was vor deinen Sinnen
Hundertfältig lebt und gaukelt,
Ist ja dein, ist in dir innen,
Traum, den deine Seele schaukelt.
Durch dich selber ewig schreitend,
Bald beschränkend dich, bald weitend,
Bist du Redender und Hörer,
Bist du Schöpfer und Zerstörer.
Zauberkräfte, längst vergeßne,
Spinnen heiligen Betrug,
Und die Welt, die unermeßne,
Lebt von deinem Atemzug.
Dieses Gedicht findest du in:
Sämtliche Gedichte in einem Band: Hrsg. u. Nachw. v. Volker Michels
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Wann schrieb Hermann Hesse das Gedicht "Die Welt unser Traum"?
Wissenswertes
- Das Gedicht besteht aus drei Strophen mit 6, 8 und 8 Versen.
- Zentrale Themen sind die Wirklichkeit als Traum, der Mensch als Schöpfer der erlebten Welt und die innere Seele als Ursprung der äußeren Wahrnehmung.
- Der Schlussvers „Und die Welt, die unermessne, / Lebt von deinem Atemzug" formuliert Hesses Vorstellung vom Inneren als kosmischem Ursprung.
- Hesse beschäftigte sich zeitlebens mit indischer Philosophie und Hinduismus — vgl. auch sein Gedicht Bhagavad Gita.
- Hesse verfasste das Gedicht 1919, mit etwa 42 Jahren.