Stimmen über Hermann Hesse

Wie schreibt sich einer in die Literaturgeschichte ein? Hesse hat das auf eine ungewöhnliche Weise getan: erst spät anerkannt, dann zwischendurch verachtet, von einer Generation als Heiliger gefeiert und von der nächsten als Kitsch abgetan – und am Ende doch geblieben. Wer die folgenden Stimmen hintereinander liest, von 1907 bis 1978, sieht weniger ein einheitliches Urteil als eine Verschiebung des deutschen Lesegeschmacks selbst. Man erkennt darin, wie schwer es Zeitgenossen mit einem hatten, der sich allen Schulen entzog. Elf Würdigungen, elf Lesarten – und dazwischen ein Werk, das alle gemeinsam gelesen, aber keiner ganz festgehalten hat.

Theodor Heuss

Der spätere Bundespräsident schrieb mit 23 die früheste der hier versammelten Würdigungen, als Redakteur des Stuttgarter Magazins «März». Hesse war zu diesem Zeitpunkt 30, hatte gerade «Unterm Rad» veröffentlicht, war noch lange kein Nobelpreisträger. Was Heuss erkennt, ist erstaunlich genau: nicht den Stimmungsdichter, als den Hesse so oft missverstanden wurde, sondern einen Beobachter mit hartem Blick.

Theodor HeussHesses landschaftliche Kunst ist von erster Hand. Sie unterscheidet sich innerhalb der übrigen zeitgenössischen deutschen Dichtung durch eine sozusagen größere Körperlichkeit. Wir sind etwas durch «Stimmung» verwöhnt und verweichlicht. Auch Hesse gibt Töne und Stimmung, aber er füllt sie mit Konturen, festen und gewissen Strichen. Aus seinem Schildern kommt kräftige Anschauung. Mit einer großen sprachlichen Disziplin zwingt er Gehalt und Form einer Landschaft, eines Naturbildes in unsere Vorstellung. Als zweites nannte ich: Erinnerung. Das eigene Leben, Erfahrungen, Eindrücke der Jugend, die Jahre der Heimat bieten sich seiner Dichtkunst als Material. Dies ist sehr wesentlich, denn davon erhalten seine Werke die Gebärde vertrauter Wahrheit. Man kann ja nach solchen Werten die Dichter scheiden. Hesse gehört zu denen, die aus dem eigenen Leben gestalten: ihre Phantasie ist gezügelt, alle dichterische Energie strömt in die Darstellung.

Das literarische Echo. 15. September 1907

Klabund

Wenn ein Expressionist einen Romantiker lobt, ist das selten. Klabund – damals selbst Anfang dreißig, Lyriker, Trinker, schwer tuberkulosekrank – sah nach dem Weltkrieg in Hesse einen, der den Mut hatte, sich noch einmal zu häuten. Gemeint ist der Schritt vom bürgerlichen Erzähler zum Verfasser des «Demian», erschienen ein Jahr zuvor unter dem Pseudonym Emil Sinclair.

KlabundIch bewundere Hermann Hesse, daß er, ein Mann in den Vierzigern, es aus eigenster Kraft über sich gebracht hat, noch einmal von vorn anzufangen, noch einmal ein neuer, ein junger Mensch zu werden. Er ist der einzige von den Dichtern seiner Generation, der das zustande gebracht hat. Er hat mit einem entschiedenen Ruck sein altes Gewand von sich abgeworfen. Er hat den Mut, neu zu beginnen, eingedenk des alten Tao-Wortes, daß der Weg, nicht das Ziel den Sinn des Lebens mache.

Die Neue Rundschau. 1920

Lulu von Strauß und Torney

Die niedersächsische Lyrikerin und Verlegersgattin – heute beinahe vergessen – gehörte zu jenen, die Hesse früh die «ewige Jugend» zuschrieben. Ein Lob, das später ironisch zurückkommen sollte, als die 68er den alternden Dichter zum Stichwortgeber der Hippies machten.

Lulu von Strauß und TorneyEin mit tiefer Innenschau begabter Deuter menschlichen Wesens hat heute die Theorie aufgestellt, daß jeder Mensch in einem bestimmten Lebensalter seine eigentliche Wesenheit und Erfüllung erreiche und innerlich sich dieses Lebensalter bewahre, auch wenn er äußerlich darüber hinaus altere. Hermann Hesse hat sich den Jüngling in seiner Seele bewahrt, den Zwanzigjährigen, den unbürgerlich Schweifenden, Sehnsüchtigen, den ewigen Sucher. Aber ein Dichter hat viele Seelen. Den unsterblichen Jüngling in sich hütend, wuchs die seine zugleich erlebend und erleidend zur geklärten Reife des Mannes und sah aus Reife auf ihre eigene Frühe zurück, deutete ihren Weg und erkannte ihr Gesetz.

Die Tat. 1922

Alfred Wolfenstein

Der «Steppenwolf» war im Juni 1927 erschienen, Wolfensteins Text folgte nur Wochen später. Der expressionistische Lyriker – wenige Jahre danach als Jude ins Exil getrieben, 1945 in Paris durch Suizid gestorben – war einer der ersten, die im neuen Roman nicht Verwirrung sahen, sondern politische Sprengkraft.

Dies Werk [«Der Steppenwolf»] spricht in scharfen, erschütternden, phantastischen und klaren Worten zu uns, es hat eine wunderbare Höhe über jener einst seinen Dichter umfangenden Sentimentalität erreicht (die ihm jetzt nur wertvoller scheint als etwa überhaupt keine Gefühle zu haben). Der Tumult der Gegenwart zeichnet sich deutlicher als an den mitschwankenden Gestalten an solchem Werk eines überragenden redlichen Dichters ab. Es ist, glaubt man sagen zu dürfen, ein willkommener Vorstoß zur immer noch so schwachen Front aller Freunde einer zukunftsreichen Auflösung, aller Feinde dieser alten, in ihrem Gegeneinander wie in ihrer Ordnung gleich falschen Welt… Der Steppenwolf ist eine Dichtung des gegenbürgerlichen Mutes.

In: Die Weltbühne 29 vom 19. Juli 1927

Stefan Zweig

Zweig und Hesse waren Brieffreunde – die Würdigung zum 55. Geburtstag kommt also aus Nähe, ist aber nicht gefällig. Was Zweig bemerkt – die Erwartung, mit der man Hesse «wie einem Beginnenden» entgegenbringen dürfe –, sollte sich bestätigen: «Das Glasperlenspiel» lag noch ein Jahrzehnt in der Zukunft.

Stefan ZweigDie merkwürdige Reinheit der Prosa, die Meisterschaft des Aussagens gerade der unsagbarsten Zustände gibt Hermann Hesse… einen ganz besonderen Rang in der deutschen Dichtung… Seine Sphäre ist heute noch nicht ganz zu umgrenzen und ebenso wenig seine letzten Möglichkeiten. Aber dies ist gewiß, daß alles dichterische Werk, das heute nach solcher innerer, gleichzeitig entsagender und beharrender Verwandlung von Hermann Hesse ausgeht, Anspruch auf äußerste moralische Geltung und unsere Liebe hat, daß man ihm, bei aller Bewunderung für das meisterlich Getane, noch die gleiche Erwartung wie einem Beginnenden entgegenbringen darf und soll.

In: Neue Freie Presse, Wien, 6. März 1932

André Gide

Gide schrieb das Vorwort zur französischen Übersetzung der «Morgenlandfahrt» im besetzten Frankreich – im selben Jahr, in dem Stefan Zweig im brasilianischen Exil starb. Was er an Hesse hervorhebt, die Ironie, die nicht aus Galle, sondern aus Selbstabstand kommt, ist eine Charakterisierung, die im deutschen Feuilleton erst Jahrzehnte später zum Gemeinplatz wurde.

André GideBei Hesse ist nur die Ausdrucksform temperiert, keineswegs aber Empfindung und Gedanke. Und was den Ausdruck des Empfindens und des Denkens mäßigt, das ist ein erlesenes Gefühl für das Angemessene, für Zurückhaltung, für Harmonie und – in bezug auf das Universum – für den inneren Zusammenhang der Dinge. Und ferner ist es eine Art latenter Ironie – eine Gabe, die, wie mir scheint, nur sehr wenigen Deutschen verliehen ist. Es gibt bittere Sorten von Ironie: Ergießungen der Galle und der bösen Säfte. Die andere, so reizvolle Spezies jedoch, über die Hesse verfügt, scheint mir ein Ergebnis zu sein der Fähigkeit, von sich selbst abzusehen, seines Wesens innezuwerden, ohne nach sich hinzusehen, zur Selbsterkenntnis zu gelangen ohne Selbstgefälligkeit. Diese Art Ironie ist eine Form der Bescheidenheit – einer Haltung, die um so liebenswerter erscheint, von je höheren Gaben und inneren Werten sie begleitet wird.

Vorwort zu einer französischen Übersetzung der «Morgenlandfahrt». 1942

Thomas Mann

Geschrieben zum 70. Geburtstag. Mann und Hesse hatten sich Anfang der 1930er Jahre in der Schweiz kennengelernt und blieben einander bis zu Manns Tod verbunden. Dass der notorisch zurückhaltende Selbstkritiker Mann hier ohne Zögern vom «mir Nächsten und Liebsten» schreibt, ist keine Floskel – diesen Satz hat er nie leichtfertig vergeben.

Thomas MannFür mich gehört dies im Heimatlich-Deutsch-Romantischen wurzelnde Lebenswerk bei all seiner manchmal kauzigen Einzelgängerei, seiner bald humoristisch-verdrießlichen, bald mystisch-sehnsüchtigen Abgewandtheit von Zeit und Welt zu den höchsten und reinsten geistigen Versuchen und Bemühungen unserer Epoche. Unter der literarischen Generation, die mit mir angetreten, habe ich ihn, der nun das biblische Alter erreicht, früh als den mir Nächsten und Liebsten erwählt und sein Wachstum mit einer Sympathie begleitet, die aus Verschiedenheiten so gut ihre Nahrung zog wie aus Ähnlichkeiten.

Neue Zürcher Zeitung. 2. Juni 1947

Manfred Hausmann

Festrede an der Mainzer Akademie zum 80. Geburtstag. Hausmann selbst war damals ein vielgelesener Autor; seine Lesart rückt das Leiden und das Leiden-Können in den Mittelpunkt – eine Deutung, die viele Hesse-Leserinnen bis heute wiedererkennen, wenn sie an ihn denken.

Wem nicht deutlich geworden ist, daß das Leidenmüssen und Leidenkönnen Hermann Hesses Wesen bestimmt, der vermag weder seine menschliche Haltung noch seine dichterische Hervorbringung noch auch seine Neigung zu den Weisheiten des Ostens zu verstehen, die für ihn im Alter so bedeutsam geworden sind. Nicht, als ob er sich zum Leiden drängte oder im Leiden ein Verdienst sähe oder gar sein Leiden kultivierte. Er nimmt es hin, das körperliche wie das seelische, als etwas, das untrennbar zu ihm gehört, auch zu seinem Dichtertum.

Jahrbuch der Akademie der Wissenschaften und der Literatur. 1957

Martin Buber

Aus demselben Jubiläumsjahr. Buber, der Religionsphilosoph zwischen Wien, Heppenheim und Jerusalem, sieht in Hesse nicht den Romancier, sondern den Ringer um eine «neue Ganzheit» – eine Charakterisierung, die Hesses Selbstverständnis erstaunlich nahekommt.

Martin BuberHermann Hesse hat dem Geiste gedient, indem er als Erzähler, der er ist, vom Widerspruch zwischen Geist und Leben und vom Streit des Geistes gegen sich selber erzählte. Eben dadurch hat er den hindernisreichen Weg wahrnehmbarer gemacht, der zu einer neuen Ganzheit und Einheit führen kann. Als der Mensch aber, der er ist, als der homo humanus, der er ist, hat er den gleichen Dienst gedient, indem er stets, wo es galt, für die Ganzheit und Einigkeit des Menschenwesens eintrat.

Neue deutsche Hefte. August 1957

Peter Härtling

Härtling beschreibt das, was viele teilen: «Unterm Rad» als Erweckungsbuch eines Vierzehnjährigen. Aus dem Gymnasiasten der frühen 1950er war zur Zeit dieses Texts ein etablierter Erzähler und Lyriker geworden – Hesse blieb ihm der Schriftsteller, dem er sich zuerst anvertraut hatte, lange bevor er ihn verstand.

Peter HärtlingIch war vierzehn oder fünfzehn, als ich «Unterm Rad» las. Hier sprach einer das aus, was mich schier erstickte. Er tat es nicht in der distanzierten Sprache der besserwisserischen Erwachsenen, er schien mir vielmehr noch im nachhinein verstrickt, und seine Phantasien glichen den meinen. So habe ich auch andere Bücher Hesses gelesen. Er war mir vertrauter als die meisten Schriftsteller, denn ihm habe ich mich wenigstens einmal, ohne daß ich ihn kannte, anvertrauen können.

Über Hermann Hesse. 1977

Jean Améry

Améry – der Auschwitz-Überlebende, der sich im selben Jahr dieses Aufsatzes in Salzburg das Leben nahm – ist die kritischste Stimme dieser Sammlung. Er zögert nicht, von «flimmerndem Talmi» und «Kitsch-Konfektionär» zu sprechen, und trifft doch einen Punkt: Das Schwanken zwischen Über- und Unterschätzung gehört zur deutschen Hesse-Rezeption wie kaum bei einem anderen Autor.

Hesse … war bisweilen so etwas wie ein Dichter «fürs deutsche Haus», jenes gemütlich-unheimliche Haus, in dem man schlecht zu unterscheiden wußte zwischen lauterem Gold (ich denke hier an die früheren, sauberen, kühlen Schwabennovellen und den sehr schönen Roman «Unterm Rad») und flimmerndem Talmi. Zu anderen Zeiten, während des Ersten und Zweiten Weltkriegs, war er ein halber Landesverräter in den Augen seines bürgerlichen Publikums. Man hat seinen «Demian», hat den «Steppenwolf» und namentlich «Narziß und Goldmund» überschätzt und danach ihn als Kitsch-Konfektionär abgefertigt, was er nun auch wieder nicht verdiente – ebensowenig wie die neueste Überschätzung, die via USA, Fernostphilosophie-Inflation, Zen-Buddhismus, Drogenfreude seit etwa 1968 Deutschland heimsuchte zur Freude seines Verlegers.

Merkur. 1978

Was bleibt

Sieben Jahrzehnte Lektüre, und keine zwei dieser Stimmen einigen sich auf denselben Hesse. Mal ist er der «homo humanus», mal der bedrohte Jüngling, mal der ironische Skeptiker, mal der Trostspender für Heranwachsende, mal der Talmi-Lieferant einer ratlosen Generation. Vielleicht ist das die ehrlichste Auskunft über sein Werk: dass es Räume offenhält, in die jeweils eintritt, was die Zeit gerade mitbringt. Wer Hesse heute liest, liest ihn anders als Heuss, anders als Mann, anders als Améry – und doch immer auch ein wenig durch ihre Augen mit.

Zitate zusammengestellt aus: Bernhard Zeller (Hrsg.): Hermann Hesse. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 1991, S. 165–168. Die Einordnungen und Kommentare sind eigene Texte. Porträtfotografien: Wikimedia Commons – Lizenz und Urheber je Bild auf der jeweiligen Datei-Seite (Klick auf das Bild).