
„Roßhalde“ ist Hermann Hesses Roman einer unglücklichen Ehe – die erste dichterische Spiegelung der Schwierigkeiten seiner eigenen Verbindung mit Maria Bernoulli. Geschrieben im Winter 1912/13 in Gaienhofen, Badenweiler und Bern, erschien das Buch zunächst 1912/13 als Vorabdruck in „Velhagen & Klasings Monatsheften“ und 1914 als Buch im S. Fischer Verlag in Berlin. Die Titelzeichnung von E. R. Weiß zeigt das Gemälde des Malers Johannes Veraguth, das zum Sinnbild der Dichtung wurde.
Inhalt: das Landgut Roßhalde
Der Maler Johann Veraguth lebt mit seiner Frau Adele und den beiden Söhnen Albert und dem siebenjährigen Pierre auf dem Landgut Roßhalde. Seine künstlerische Obsession hat ihn emotional von der Familie entfremdet. Sein Jugendfreund Otto Burkhardt, Plantagenbesitzer in Malaysia, besucht Veraguth und schlägt eine gemeinsame Indienreise vor. Bevor Veraguth sich entscheiden kann, erkrankt der jüngere Sohn Pierre an Hirnhautentzündung und stirbt. Nach Pierres Tod trennen sich Johann und Adele in stillem Einvernehmen: sie behält das Haus und den älteren Sohn Albert, Veraguth gewinnt seine künstlerische Freiheit zurück und bereitet die Reise nach Indien vor.
Hauptfiguren
- Johann Veraguth – Maler, Protagonist; emotional zurückgezogen, künstlerisch obsessiv.
- Adele Veraguth – seine Frau, Pianistin; bindet die Kinder an sich.
- Albert – älterer Sohn; bleibt nach der Trennung bei der Mutter.
- Pierre – jüngerer, siebenjähriger Sohn; stirbt an Hirnhautentzündung.
- Otto Burkhardt – Veraguths Schulfreund, Plantagenbesitzer in Malaysia.
Biografischer Hintergrund: Hesses eigene Ehe
Hesse hatte die Fotografin Maria Bernoulli („Mia“) 1904 geheiratet. Die Familie lebte ab 1907 in einem eigens gebauten Haus in Gaienhofen am Bodensee, wo die drei Söhne Bruno (1905), Heiner (1909) und Martin (1911) geboren wurden. 1911 unternahm Hesse mit dem Maler Hans Sturzenegger eine mehrmonatige Reise nach Sri Lanka, Malaysia, Singapur und Sumatra – das biografische Vorbild der Indienreise im Roman. 1912 zog die Familie nach Ostermundigen bei Bern, wo „Roßhalde“ entstand. Die endgültige Trennung Hesses von Maria Bernoulli folgte 1919.
Hesse selbst hat den Roman nicht als Schilderung einer einzelnen falschen Ehewahl verstanden, sondern als Studie eines grundsätzlichen Problems:
Die unglückliche Ehe, von der das Buch handelt, beruht gar nicht auf einer falschen Wahl, sondern tiefer auf dem Problem der Künstlerehe überhaupt.
Themen: Künstlerehe und Befreiung durch Verlust
„Roßhalde“ verhandelt Hesses Lebensthemen in realistischer, gegenüber dem Frühwerk reduzierter Form: die Unmöglichkeit der Künstlerehe, die Vereinzelung des Schaffenden, die Befreiung durch Verlust. Veraguth ist der Romantiker, der in träumerischer Erwartung lebt, von ihrer Verwirklichung rasch übersättigt ist und seine chronische Enttäuschung sorgfältig pflegt; Adele die gesetzte Persönlichkeit, die Mutter, die ihre Kinder an sich binden will. Beide sind einsam und verbittert, keiner kann auf die Bedürfnisse des anderen reagieren. Hesse gestand mit dem Buch nicht nur den Fehlschlag, sondern die grundsätzliche Unmöglichkeit seines Versuchs ein, in der Ehe eine intime Beziehung zum Leben und einen Platz in der Gesellschaft zu finden.
Hesses Selbsteinschätzung 1942
Nach 26 Jahren las Hesse „Roßhalde“ anlässlich der Vorbereitung der Suhrkamp-Werkausgabe wieder. An Peter Suhrkamp schrieb er am 15. Januar 1942:
Damals, mit diesem Buche, hatte ich die mir mögliche Höhe an Handwerk und Technik erreicht, und bin nie weiter darin gekommen. Dennoch hatte es ja seinen guten Sinn, daß der damalige Krieg mich aus der Entwicklung riß und mich, statt mich zum Meister guter Formen werden zu lassen, in eine Problematik hinein führte, vor der das rein Ästhetische sich nicht halten konnte.
Häufige Fragen zu „Roßhalde“
Wann erschien „Roßhalde“?
Als Buch 1914 im S. Fischer Verlag in Berlin; einzelne Vorabdrucke erschienen schon 1912/13 in „Velhagen & Klasings Monatsheften“. Geschrieben hat Hesse den Roman im Winter 1912/13 in Gaienhofen, Badenweiler und Bern.
Wovon handelt der Roman?
Vom Maler Johann Veraguth, der mit seiner Frau Adele und zwei Söhnen auf dem Landgut Roßhalde lebt, aber emotional von der Familie entfremdet ist. Nach dem Tod des jüngeren Sohnes Pierre an Hirnhautentzündung trennen sich Johann und Adele einvernehmlich; Veraguth gewinnt seine künstlerische Freiheit zurück.
Ist „Roßhalde“ autobiografisch?
Teils. Hesses eigene Ehe mit Maria Bernoulli und seine Asienreise 1911 bilden den biografischen Hintergrund. Nach Hesses eigener Aussage zielt das Buch jedoch nicht auf einen Einzelfall, sondern auf „das Problem der Künstlerehe überhaupt“.
Ist „Roßhalde“ ein Roman oder eine Erzählung?
Bei der Erstveröffentlichung 1914 erschien das Buch ohne Gattungsangabe. Spätere Ausgaben nach 1918 nannten es „Roman“, ab 1931 dann „Erzählung“.
Wie beurteilte Hesse selbst das Buch?
1942 schrieb Hesse rückblickend an Peter Suhrkamp, er habe mit diesem Buch „die mir mögliche Höhe an Handwerk und Technik erreicht“. Dass der Erste Weltkrieg ihn aus dieser ästhetischen Entwicklung gerissen habe, sieht Hesse jedoch nicht als Verlust – er sei dadurch in eine Problematik geführt worden, „vor der das rein Ästhetische sich nicht halten konnte“.
Quellen
- Hermann Hesse: Roßhalde. Erstausgabe S. Fischer Verlag, Berlin 1914; Vorabdruck in Velhagen & Klasings Monatshefte, 1912–1913.
- Wikipedia: Roßhalde – Entstehung, Inhalt, biografische Bezüge zur Gaienhofener Zeit und zur Asienreise 1911, Gattungsbezeichnung im Wandel der Auflagen.
- Volker Michels (Hrsg.): Schriften zur Literatur, Band 1. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1972, S. 30 – Brief an Peter Suhrkamp vom 15. Januar 1942.
- Bernhard Zeller (Bearb.): Hermann Hesse. Eine Chronik in Bildern. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, erweiterte Auflage 1977, S. 72 – Titelblatt der Erstausgabe.