Bhagavad Gita
Wieder lag ich schlaflos Stund um Stund,
Unbegriffenen Leids die Seele voll und wund.
Brand und Tod sah ich auf Erden lodern,
Tausende unschuldig leiden, sterben, modern.
Und ich schwor dem Kriege ab im Herzen
Als dem blinden Gott sinnloser Schmerzen.
Sieh, da klang mir in der Stunde trüber
Einsamkeit Erinnerung herüber,
Und es sprach zu mir den Friedensspruch
Ein uraltes indisches Götterbuch:
„Krieg und Friede, beide gelten gleich,
Denn kein Tod berührt des Geistes Reich.
Ob des Friedens Schale steigt, ob fällt,
Ungemindert bleibt das Weh der Welt.
Darum kämpfe du und lieg nicht stille;
Daß du Kräfte regst, ist Gottes Wille!
Doch ob dein Kampf zu tausend Siegen führt,
Das Herz der Welt schlägt weiter unberührt.“
Dieses Gedicht findest du in:
Sämtliche Gedichte in einem Band: Hrsg. u. Nachw. v. Volker Michels
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Wann schrieb Hermann Hesse das Gedicht "Bhagavad Gita"?
Wissenswertes
- Zehn Doppelverse im Paarreim — fünf einleitende Couplets und ein eingebettetes Zitat des „Friedensspruchs" aus dem altindischen Götterbuch in weiteren fünf Couplets.
- Das Gedicht entstand im September 1914, einen Monat nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs — eine pazifistische Auseinandersetzung mit dem Massensterben, gesprochen in der Stille einer schlaflosen Nacht.
- Im Zentrum das wörtlich zitierte Götterbuch-Wort: „Krieg und Friede, beide gelten gleich, / Denn kein Tod berührt des Geistes Reich" — die Bhagavad Gita als spiritueller Halt gegen die Kriegswirklichkeit.
- Schlussverse: „Doch ob dein Kampf zu tausend Siegen führt, / Das Herz der Welt schlägt weiter unberührt." Der innere Kampf bleibt sinnvoll, auch wenn die äußere Welt unbeeindruckt bleibt.
- Hesses lebenslange Auseinandersetzung mit indischer Philosophie zeigt sich auch in seinem späteren Gedicht Die Welt unser Traum (1919); Hesse verfasste „Bhagavad Gita" im September 1914, mit 37 Jahren.