Herbstregen im Tessin

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O Regen, Regen im Herbst, Grau verschleierte Berge, Bäume mit müde sinkendem Spätlaub Durch beschlagene Fenster blickt Abschiedsschwer das krankende Jahr. Fröstelnd im triefenden Mantel Gehst du hinaus. Am Waldrand Tappt aus entfärbtem Laub Kröte und trunkner Salamander. Alle Wege hinab Rinnt und gurgelt unendlich Gewässer, Bleibt im Grase beim Feigenbaum In geduldigen Teichen stehn. Und vom Kirchturm im Tale Tropfen zögernde müde Glockentöne für Einen vom Dorf, Den sie begraben. Du aber traure, Lieber, Nicht dem begrabenen Alten, Nicht dem Sommerglück länger nach Noch den Festen der Jugend! Alles hat Dauer in frommer Erinnrung, Bleibt im Wort, im Bild, im Liede bewahrt, Ewig bereit zur Feier der Rückkehr Im erneuten, erhöhten Gewand. Hilf bewahren du, hilf verwandeln, Und es geht dir die Blume Gläubiger Freude im Herzen auf.

Hermann Hesse liest "Herbstregen im Tessin"

Quelle: Hermann Hesse, Sämtliche Gedichte in einem Band*
Herausgeber: Volker Michels, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1995