Halali und der halbe Hase

von U Abhaya
Prosa Bisher keine Bewertung 05.10.2026

Es war Mitte der 1970er-Jahre, als ich mich entschloss, den Jagdschein zu machen. Die Entscheidung beruhte nicht auf einem ausgeprägten Bedürfnis, auf Tiere zu schießen, sondern vielmehr auf dem Einfluss meines damaligen Umfeldes. Studienkollegen hielten die Jagd für eine traditionsreiche Freizeitbeschäftigung, und die bäuerliche Verwandtschaft meiner damaligen Freundin war der Meinung, ein junger Mann müsse irgendwann lernen, mit einer Flinte umzugehen. Zumindest schienen sie das für nnützlicher zu halten als den erfolgreichen Umgang mit einer Schreibmaschine.
So meldete ich mich beim Kreisjagdverband an.
Die Ausbildung fand in einem Dorfkrug statt, dessen Einrichtung den Eindruck vermittelte, seit der Kaiserzeit auf jede Form von Veränderung erfolgreich verzichtet zu haben. Dort traf sich regelmäßig eine Gruppe grün gekleideter Männer. Einige wollten Jäger werden. Andere fühlten sich bereits als Jäger. Der Unterschied war für Außenstehende kaum erkennbar.
Unser Ausbilder war ein Hegemeister von eindrucksvoller Sachkenntnis und noch eindrucksvollerer Ernsthaftigkeit. Unter seiner Leitung lernten wir, dass die Jägersprache auf dem festen Willen beruht, für fast jeden Ausdruck der deutschen Sprache einen eigenen Begriff zu erfinden. Tiere wurden nicht geschossen, sondern wurden „zur Strecke gebracht“ und dann nicht etwa hausfraulich ausgenommen, sondern aufgebrochen und ausgeweidet. Das Geräusch ist keineswegs ein die Jagd störendes akustisches Phänomen, sondern bezeichnet Lunge, Herz, Leber und Nieren des Schalenwildes, sowie des zum Hochwild zählenden Federwildes. Der Schwanz des Fuchses heißt nicht Schwanz, sondern Rute. Die deutsche Sprache erwies sich in dieser Hinsicht als erstaunlich flexibel.
Mit der Zeit gewöhnte ich mich daran. Zumindest äußerlich. Innerlich blieb der Verdacht bestehen, dass sich die gesamte Jägersprache ursprünglich aus einer verlorenen Wette entwickelt hatte.
Wir lernten Jagd- und Schonzeiten, übten das Ansprechen von Wild und trafen uns an Wochenenden zum Tontaubenschießen. Die Tontauben erwiesen sich als kooperativ und deutlich berechenbarer als alles, was später im Wald vorkommen sollte.
Kurz vor Abschluss des Lehrgangs überraschte uns der Hegemeister dann mit einer Einladung zu einer hochherrschaftlichen Drückjagd auf Schwarzkittel.
Die Einladung auf einen bekannten Gutsbetrieb des holsteinischen Hochadels erfüllte uns Jungjäger mit ehrfürchtiger Spannung. Endlich würden wir die Jagd in ihrer höchsten Form erleben. Doch wir sollten später feststellen, dass wir vor allem die Gesellschaft in ihrer höchsten Form erleben würden.
Noch vor Sonnenaufgang trafen wir auf dem Gutshof ein.
Bereits dort wurde deutlich, dass eine Drückjagd weit mehr ist als eine organisierte Suche nach Wildschweinen. Sie ist ein gesellschaftliches Ereignis. Vielleicht sogar in erster Linie.
Über den Hof verteilt standen Herren in unterschiedlichen Schattierungen von Grün. Einige trugen Hüte mit Federn. Andere trugen Gesichtsausdrücke, die vermutlich immer wieder vererbt worden waren.
Dazwischen bewegten sich Damen in jagdlicher Garderobe des neuesten Kettner-Kataloges, die aussahen, als seien sie direkt einem Katalog entsprungen. Niemand schien müde zu sein. Niemand fror. Niemand stellte die Frage, weshalb man freiwillig vor Tagesanbruch im Nieselregen stand.
Ich begann zu ahnen, dass ich kulturell leicht unterqualifiziert war.
Für den Adel standen mehrere Geländewagen und VW-Busse bereit.
Für uns Treiber Traktoren mit Anhänger, auf denen für das Fußvolk Strohballen aufgereiht waren. Die gesellschaftliche Ordnung war damit für jeden nachvollziehbar geregelt.
Während wir noch die Szenerie betrachteten, trafen weitere Jagdteilnehmer ein. Besonders bemerkenswert war die Ankunft eines jungen Mannes, der in einem Porsche vorfuhr und hinter seinem Sitz eine längliche Tasche hervorzog.
Sofort entstand Bewegung. Damen lächelten. Herren eilten herbei.
Zunächst nahm ich an, die Begeisterung gelte allein seiner Person.
Das war ein Irrtum.
Sie galt auch seiner Repetier-Winchester, wie man sie aus Karl-May-Filmen kennt. Die Büchse wurde betrachtet, angefasst und bewundert wie Old Shatterhands Bärentöter. Mehrere Herren hielten sie andächtig in den Händen, rissen sie an die Wange und zielten probeweise auf entfernte Baumwipfel.
Die Winchester genoss bald sichtbar mehr Aufmerksamkeit als ihr Besitzer, was diesen allerdings keineswegs zu stören schien.
Schließlich erschien der Gutsherr. Man erkannte ihn nicht an seiner Kleidung. Man erkannte ihn daran, dass alle anderen plötzlich auf ihn hörten.
Nach einer Ansprache, deren Inhalt größtenteils im Wind verschwand, wurden die Jagdstände verteilt.
Die Damen verschwanden ins Schloss.
Die Herren verschwanden in die Geländewagen und VW-Busse.
Und die Hundeführer und wir Treiber erklommen die Trecker-Anhänger.
Dabei ereignete sich noch das erste Drama des Tages:
Ein Jagdterrier biss sich blitzartig im Ohr eines an ihm vorüber laufenden Dackels fest und konnte nur durch den brachialen Einsatz von 6 würgenden, biegenden und ziehenden Männerhänden dazu veranlasst werden, den heftig jaulenden Artgenossen wieder loszulassen. Der Dackel war beleidigt. Der Terrier wirkte zufrieden.
Das ergab genug Gesprächsstoff für die feuchte und ruckelige Fahrt über Feld- und Waldwege auf nassen Strohballen, denn der feine Regen war allmählich in einen etwas gröberen Regen übergegangen. Langsam tuckerten wir den Geländewagen und Bussen hinterher, die inzwischen die Jäger auf ihren Posten verteilt hatten, damals noch nicht wie heute – wegen zahlloser Jagdunfälle – mit neonfarbenen Westen bekleidet.
Dann konnte die Jagd beginnen:
Im Wald zeigte sich rasch, dass die Tätigkeit eines Treibers weniger romantisch ist, als Jagdzeitschriften vermuten lassen. Unsere Aufgabe bestand darin, möglichst geräuschvoll durch möglichst unwegsames Gelände zu laufen. Beides gelang hervorragend.
Unter ständigem Regen kämpften wir uns durch Dickichte, Brombeerhecken und Gebüsche, die offensichtlich eigens zu dem Zweck gewachsen waren, Menschen zu demütigen.
Immer wieder fielen Schüsse.
Immer wieder rief der Hegemeister, um uns neu zu formieren.
Ich selbst bekam vom Wild bemerkenswert wenig zu sehen.
Dafür lernte ich alle Dornen Ostholsteins aus nächster Nähe kennen.
Nach einiger Zeit begann ich über die Worte meiner Freundin nachzudenken. Sie hatte vorgeschlagen, meine alte, bereits getragene Gartenarbeitskleidung anzuziehen. Ich hatte diesen Rat ignoriert.
Nun verwandelte sich meine gute Jeans langsam in archäologisches Material. Mein neuer Parka sah aus, als habe er mehrere Russland-Feldzüge hinter sich. Zweige hinterließen Spuren an Armen und Gesicht. Wasser drang in Regionen meiner Kleidung ein, deren Existenz mir bis dahin unbekannt gewesen war.
Das Wild hatte von diesen Vorgängen weitgehend unbeeindruckt Kenntnis genommen, ich bbekam tatsächlich keinen einzigen lebenden Schwarzkittel zu Gesicht.
Mit jeder Stunde erschien der Rat meiner Freundin klüger. Und meine eigene Entscheidung dümmer.
Als schließlich das Signal „Jagd vorbei – Halali!“ erklang, war ich erschöpft, durchnässt und hungrig.
Wir wurden per Traktor zurück zum Schloss gebracht.
Dort erhielten die Treiber einen Teller heiße Erbsensuppe, während der Adel sich zum Wildbratenessen mit edlen Getränken zurückzog.
Niemand schien diesen Unterschied bemerkenswert zu finden. Wahrscheinlich gehörte auch das zur Tradition.
Doch halt, etwas habe ich fast vergessen: Vor dem Essen versammelten wir uns zum jagdlichen Verblasen der Strecke, gemeinsam mit den wieder herbeigeholten Jagddamen, aber doch deutlich getrennt nach Jägern und Fußvolk.
Das zur Strecke gebrachte Wild – fast nur Säue und ein halber Hase – war neben einem Lagerfeuer in Reih und Glied auf Tannenzweigen gebettet.
Der halbe Hase zog die Aufmerksamkeit unweigerlich auf sich. Nicht weil Hasen für das Revier ungewöhnlich gewesen wären. Sondern weil halbe Hasen selten einen harmonischen Eindruck machen.
Bei näherem Hinsehen ergab sich die Ursache:
Der junge Amerika-Heimkehrer hatte offenbar auch keinen einzigen Schwarzkittel zu Gesicht bekommen und wollte doch so gerne seine bewunderte Winchester einsetzen.
Statt eines gewaltigen Keilers war lediglich ein kleiner Feldhase vor die Mündung geraten. Die Begegnung war für den Hasen unerquicklich verlaufen, denn von ihm war nur die vordere Hälfte übrig geblieben.
Der Schütze wirkte niedergeschlagen. Seine Winchester war zwar weiterhin beeindruckend. Aber sein Jagderfolg ließ Raum für Interpretationen.
Während die Hörner „Sau tot“, „Hase tot“ und schließlich „Halali“ spielten, stand er etwas abseits. Vielleicht dachte er über Ballistik nach. Vielleicht über Verhältnismäßigkeit.
Vielleicht auch darüber, dass gesellschaftliche Bewunderung gelegentlich von erstaunlich kurzer Dauer ist.
Bei mir wollte jedenfalls kein echtes Mitleid aufkommen. Der halbe Hase erschien mir vielmehr als eine Art Zusammenfassung des gesamten Tages:
Viel Aufwand, viel Ritual, viel Ernsthaftigkeit. Und am Ende ein Ergebnis, das niemand ganz geplant hatte.
Ich selbst habe seitdem nie wieder an einer Jagd teilgenommen. Weder als Jäger noch als Treiber. Meine Jeans und meine Parkas dagegen begleiten mich seither deutlich länger als damals.

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U Abhaya

U Abhaya ist das Pseudonym eines schreibenden und fotografierenden Menschen, der sich in zwei Ländern zuhause fühlt, in Deutschland und in Myanmar (vor dem Militärputsch). "U" stellt man in Myanmar bei einem erwachsenen Mann dem Eigennamen voran und heisst dann so viel wie "Herr" oder "Onkel". Andererseits kann es hier auch als Abkürzung für "Upasaka" bzw. für einen beliebten deutschen Vornamen angesehen werden, der auf die althochdeutschen Worte "uodal" (Heimat, Erbgut, Stammgut) und "rihhi" (reich, mächtig) zurückgeht. "Abhaya" ist ein Begriff aus der altlindischen Sprache Sanskrit, der als spiritueller Name verwendet wird und mit "der keine Furcht kennt" übersetzt werden kann.

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