Selige Sehnsucht

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Sagt es niemand, nur den Weisen, Weil die Menge gleich verhöhnet, Das Lebend’ge will ich preisen, Das nach Flammentod sich sehnet. In der Liebesnächte Kühlung, Die dich zeugte, wo du zeugtest, Überfällt dich fremde Fühlung, Wenn die stille Kerze leuchtet. Nicht mehr bleibest du umfangen In der Finsternis Beschattung, Und dich reißet neu Verlangen Auf zu höherer Begattung. Keine Ferne macht dich schwierig, Kommst geflogen und gebannt, Und zuletzt, des Lichts begierig, Bist du Schmetterling verbrannt. Und so lang du das nicht hast, Dieses: Stirb und werde! Bist du nur ein trüber Gast Auf der dunklen Erde.

Analyse & Interpretation

Inhalt

„Selige Sehnsucht" beginnt mit einer Warnung: Was folgt, sei nur für die Weisen bestimmt, weil die Menge es verspotten würde. Der Sprecher will das Lebendige preisen, das sich nach dem „Flammentod" sehnt, also nach einem Tod, der zugleich Verwandlung ist.

Die mittleren Strophen wenden sich an ein „du", das sich als Falter erweist. In der Kühle der Liebesnächte, in denen es gezeugt wurde und selbst zeugte, überfällt es eine „fremde Fühlung", sobald eine Kerze leuchtet. Es bleibt nicht länger in der Finsternis, ein „neu Verlangen" reißt es hinauf zu „höherer Begattung". Keine Entfernung hält es ab; es kommt „geflogen und gebannt" und verbrennt zuletzt, „des Lichts begierig", in der Flamme.

Die Schlussstrophe zieht die Lehre daraus: Wer das „Stirb und werde!" nicht in sich trägt, bleibt „nur ein trüber Gast / Auf der dunklen Erde".

Aufbau und Form

Das Gedicht besteht aus fünf Strophen zu je vier Versen im Kreuzreim a b a b, insgesamt 20 Zeilen. Es lässt sich in drei Teile gliedern: Die erste Strophe ist Ankündigung und Vorbehalt, die Strophen zwei bis vier erzählen den Weg des Falters von der Liebesnacht bis zur Flamme, die fünfte Strophe formuliert die Sentenz.

Das Metrum ist der vierhebige Trochäus, ein fallender Rhythmus, der dem Gedicht etwas Feierliches gibt. Die ersten drei Strophen haben durchgehend weibliche (klingende) Kadenzen; in der vierten Strophe wechseln weibliche und männliche Ausgänge (schwierig/gebannt/begierig/verbrannt), was den Vers härter und schneller macht, gerade dort, wo der Falter verbrennt. In der fünften Strophe wechseln vier- und dreihebige Verse, und die Zeilen werden kürzer. Die Sentenz „Dieses: Stirb und werde!" steht mit nur sechs Silben im kürzesten Vers des Gedichts.

In der zweiten Strophe reimt Goethe unrein (zeugtest/leuchtet), was den Bruch markiert, an dem die „fremde Fühlung" einsetzt.

Sprache und Stilmittel

  • Arkanum-Formel: Der Auftakt „Sagt es niemand, nur den Weisen" (V. 1) inszeniert das Gedicht als Geheimlehre und stellt die Weisen der spottenden „Menge" gegenüber (Antithese).
  • Paradox: „Das Lebend’ge … / Das nach Flammentod sich sehnet" (V. 3–4): Das Lebendige sehnt sich nach dem eigenen Tod. Schon der Titel ist ein Oxymoron: Sehnsucht, die selig macht.
  • Du-Anrede: Das „du" der Strophen zwei bis fünf ist zugleich der Falter, der Leser und die Seele; erst in Vers 16 wird es ausdrücklich „Schmetterling" genannt.
  • Falter und Flamme: Das zentrale Bild stammt aus der persischen Mystik: Der Falter, der in die Kerze fliegt, steht für die Seele, die sich im Licht auflöst. Im Griechischen bedeutet „Psyche" zugleich Seele und Schmetterling.
  • Licht und Dunkel: „stille Kerze", „Lichts begierig" gegen „Finsternis Beschattung", „dunklen Erde" (Antithese durch das ganze Gedicht).
  • Erotische Bildlichkeit: „Liebesnächte", „zeugte", „zeugtest", „Begattung" (V. 5–6, 12) beschreiben Zeugung und Vereinigung; das „höherer" in „höherer Begattung" hebt die Vereinigung auf eine geistige Ebene (Komparativ als Steigerung).
  • Alliteration: „fremde Fühlung" (V. 7), „Kommst geflogen und gebannt" (V. 14).
  • Partizipialverdichtung: „geflogen und gebannt" (V. 14), „verbrannt" (V. 16) raffen den Vorgang auf wenige Wörter.
  • Sentenz mit Zeigegeste: „Dieses: Stirb und werde!" (V. 18). Der Doppelpunkt weist auf die Formel wie auf eine Inschrift; die beiden Imperative stellen Tod und Werden unmittelbar nebeneinander.
  • Metapher des Gastes: „trüber Gast / Auf der dunklen Erde" (V. 19–20): Wer sich nicht wandelt, ist auf der Welt nur zu Besuch und bleibt ihr fremd.

Interpretation und Deutung

Das Gedicht handelt von Wandlung durch Selbstaufgabe. Der Falter, der in die Flamme fliegt, geht nicht einfach zugrunde: Sein „Flammentod" ist der Übergang in eine höhere Form des Daseins. Die Forschung hat diese Wandlung als Zentrum des Gedichts beschrieben; Eduard Spranger und Karl Viëtor lesen es als Gedicht über die Metamorphose, ein Gedanke, der Goethes gesamtes Naturdenken durchzieht: Nichts bleibt, was es ist, alles steigert sich durch Verwandlung.

Die Strophen zwei und drei erzählen diese Wandlung als Liebesgeschichte. Der Falter stammt aus der Liebesnacht, aus dem irdischen Zeugen und Gezeugtwerden; das Kerzenlicht weckt in ihm ein „neu Verlangen", das über diese Herkunft hinausweist. Die „höhere Begattung" lässt sich als Vereinigung mit dem Licht deuten, in der Sprache der persischen Mystik, die Goethe bei Hafis kennengelernt hatte: als Verschmelzen der Seele mit dem Göttlichen, das nur durch das Aufgeben des eigenen Selbst möglich ist.

Michael Böhler hat vorgeschlagen, das Gedicht auch poetologisch zu lesen, als Gedicht über das Dichten selbst: Der Dichter muss sich der Inspiration hingeben und darin gleichsam verbrennen, damit ein Werk entsteht. Beide Lesarten, die mystische und die poetologische, schließen sich nicht aus.

Die Schlussstrophe ist der Grund, warum das Gedicht bis heute zitiert wird. „Stirb und werde!" ist keine Todessehnsucht, sondern eine Lebensregel: Nur wer bereit ist, eine Gestalt seines Lebens sterben zu lassen, kann eine neue gewinnen. Wer das verweigert, bleibt „ein trüber Gast", also einer, der am Leben teilnimmt, ohne in ihm zu Hause zu sein.

Genau an diesem Gedanken knüpft Hermann Hesse in seinem Gedicht „Stufen" von 1941 an. Hesse, der Goethe zeitlebens verehrte und ihm 1932 den Essay „Dank an Goethe" widmete, formuliert dort dieselbe Forderung, jede Lebensstufe loszulassen, um zu wachsen. Wo Goethe das Bild des Falters in der Flamme wählt, spricht Hesse vom Herzen, das „bei jedem Lebensrufe / Bereit zum Abschied sein" muss. Beide Gedichte sagen, dass Wandlung ein Sterben verlangt, und dass gerade darin das Leben liegt.

Einordnung

„Selige Sehnsucht" entstand am 31. Juli 1814 in Wiesbaden, als Goethe 64 Jahre alt war. Wenige Wochen zuvor hatte er die Gedichte des persischen Dichters Hafis in der Übersetzung von Joseph von Hammer-Purgstall gelesen, und aus dieser Begegnung ging der „West-östliche Divan" hervor, Goethes große Gedichtsammlung des Alters, die 1819 erschien. „Selige Sehnsucht" steht dort an vorletzter Stelle des ersten Buches, des „Buchs des Sängers". Im Erstdruck von 1817 trug das Gedicht noch den Titel „Vollendung", auch „Selbstopfer" ist als Titel überliefert; erst im Divan erhielt es seinen endgültigen Namen.

Das Gedicht gehört zu Goethes Spätwerk und zur Weimarer Klassik im weiteren Sinn, ist aber zugleich ein Dokument der Öffnung zur orientalischen Dichtung, die Goethe als „Weltliteratur" verstand. Die feste Form des kreuzgereimten Trochäus verbindet sich hier mit einem Bildgut, das der deutschen Lyrik bis dahin fremd war.

Vertont wurde das Gedicht unter anderem von Carl Friedrich Zelter, Othmar Schoeck, Ernst Pepping und Wolfgang Rihm. Die Formel „Stirb und werde!" ist zum geflügelten Wort geworden und wird oft zitiert, ohne dass das Gedicht dahinter bekannt ist.

Häufige Fragen

Worum geht es in „Selige Sehnsucht"?

Das Gedicht preist das Lebendige, das sich nach dem „Flammentod" sehnt. Im Bild des Falters, der aus der Liebesnacht kommt und sich in die Kerzenflamme stürzt, beschreibt Goethe eine Wandlung durch Selbstaufgabe. Die Schlussstrophe fasst es zur Lebensregel „Stirb und werde!" zusammen: Wer sich nicht wandelt, bleibt nur ein trüber Gast auf der Erde.

Was bedeutet „Stirb und werde"?

Die Formel ist keine Todessehnsucht, sondern eine Lebensregel: Nur wer bereit ist, eine Gestalt seines Lebens sterben zu lassen, kann eine neue gewinnen. Sie steht für Goethes Gedanken der Metamorphose, nach dem sich alles Lebendige durch Verwandlung steigert. Hermann Hesses Gedicht „Stufen" greift diesen Gedanken auf.

Wofür steht der Schmetterling in „Selige Sehnsucht"?

Der Falter, der in die Kerzenflamme fliegt, ist ein Bild aus der persischen Mystik für die Seele, die sich im Licht auflöst und so mit dem Göttlichen vereint. Im Griechischen bedeutet „Psyche" zugleich Seele und Schmetterling. Das „du" des Gedichts ist deshalb Falter, Seele und Leser in einem.

Welches Metrum und Reimschema hat „Selige Sehnsucht"?

Fünf Strophen zu je vier Versen im Kreuzreim a b a b und im vierhebigen Trochäus. Die ersten drei Strophen haben weibliche Kadenzen, die vierte wechselt zwischen weiblichen und männlichen Ausgängen, und in der fünften Strophe werden die Verse kürzer und wechseln zwischen vier und drei Hebungen.

Wann und wo entstand „Selige Sehnsucht"?

Goethe schrieb das Gedicht am 31. Juli 1814 in Wiesbaden, kurz nachdem er die Gedichte des persischen Dichters Hafis kennengelernt hatte. Es erschien 1817 zuerst unter dem Titel „Vollendung" und 1819 unter dem endgültigen Titel im „West-östlichen Divan", im „Buch des Sängers".

Wann schrieb Johann Wolfgang von Goethe das Gedicht "Selige Sehnsucht"?

Wissenswertes

  • „Selige Sehnsucht" steht an vorletzter Stelle im „Buch des Sängers", dem ersten Buch von Goethes „West-östlichem Divan" (1819).
  • Das Gedicht entstand unter dem Eindruck der Gedichte des persischen Dichters Hafis, die Goethe im Mai 1814 in der Übersetzung von Joseph von Hammer-Purgstall kennengelernt hatte.
  • Im Erstdruck, dem „Taschenbuch für Damen auf das Jahr 1817", hieß das Gedicht noch „Vollendung"; auch der Titel „Selbstopfer" ist überliefert.
  • Das Bild des Falters, der sich in die Kerzenflamme stürzt, stammt aus der persischen Mystik.
  • Vertont wurde das Gedicht unter anderem von Carl Friedrich Zelter, Othmar Schoeck, Ernst Pepping und Wolfgang Rihm.
  • Goethe schrieb „Selige Sehnsucht" am 31. Juli 1814 in Wiesbaden, mit 64 Jahren.

Quelle: Johann Wolfgang von Goethe, Sämtliche Gedichte*
Insel Verlag, 2007