Der Winter ist ein rechter Mann
Der Winter ist ein rechter Mann,
Kernfest und auf die Dauer;
Sein Fleisch fühlt sich wie Eisen an,
Und scheut nicht Süß noch Sauer.
War je ein Mann gesund, ist er’s;
Er krankt und kränkelt nimmer,
Weiß nichts von Nachtschweiß noch Vapeurs,
Und schläft im kalten Zimmer.
Er zieht sein Hemd im Freien an,
Und lässt’s vorher nicht wärmen;
Und spottet über Fluss im Zahn
Und Kolik in Gedärmen.
Aus Blumen und aus Vogelsang
Weiß er sich nichts zu machen,
Hasst warmen Drang und warmen Klang
Und alle warme Sachen.
Doch wenn die Füchse bellen sehr,
Wenn’s Holz im Ofen knittert,
Und um den Ofen Knecht und Herr
Die Hände reibt und zittert;
Wenn Stein und Bein vor Frost zerbricht,
Und Teich’ und Seen krachen;
Das klingt ihm gut, das hasst er nicht,
Denn will er sich tot lachen. –
Sein Schloss von Eis liegt ganz hinaus
Beim Nordpol an dem Strande;
Doch hat er auch ein Sommerhaus
Im lieben Schweizerlande.
Da ist er denn bald dort bald hier,
Gut Regiment zu führen.
Und wenn er durchzieht, stehen wir
Und sehn ihn an und frieren.
Wann schrieb Matthias Claudius das Gedicht "Der Winter ist ein rechter Mann"?
Wissenswertes
- Matthias Claudius veröffentlichte das Gedicht 1782 im vierten Teil seiner Werkausgabe „Asmus omnia sua secum portans“ (Wandsbeck). Der Originaltitel lautet „Ein Lied hinter’m Ofen zu singen“; bekannt ist es unter seiner ersten Zeile.
- Das Gedicht hat acht Strophen zu je vier Versen.
- Claudius macht den Winter zu einem Mann: kerngesund, abgehärtet und mit einem „Schloss von Eis“ am Nordpol – und einem Sommerhaus „im lieben Schweizerlande“.
- „Vapeurs“ ist ein französisches Wort für Blähungen oder üble Laune.
- Johann Friedrich Reichardt vertonte den Text 1797; als Winterlied wird es bis heute gesungen.
- Matthias Claudius (1740–1815) war Dichter und Journalist, er gab den „Wandsbecker Bothen“ heraus.