Vorfreude auf Weihnachten
Ein Kind – von einem Schiefertafel-Schwämmchen
Umhüpft – rennt froh durch mein Gemüt.
Bald ist es Weihnacht! – Wenn der Christbaum blüht,
Dann blüht er Flämmchen.
Und Flämmchen heizen. Und die Wärme stimmt
Uns mild. – Es werden Lieder, Düfte fächeln. –
Wer nicht mehr Flämmchen hat, wem nur noch Fünkchen glimmt,
Wird dann doch gütig lächeln.
Wenn wir im Traume eines ewigen Traumes
Alle unfeindlich sind – einmal im Jahr! –
Uns alle Kinder fühlen eines Baumes.
Wie es sein soll, wie’s allen einmal war.
Wann schrieb Joachim Ringelnatz das Gedicht "Vorfreude auf Weihnachten"?
Wissenswertes
- Das Gedicht steht in Ringelnatz’ Sammlung „103 Gedichte“, die 1933 bei Rowohlt in Berlin erschien.
- Es hat zwölf Verse in vier Strophen zu 2, 4, 2 und 4 Zeilen; die Reime reichen über die Strophengrenzen hinweg („Schwämmchen“ – „Flämmchen“, „Gemüt“ – „blüht“).
- Das Bild vom Christbaum, der „Flämmchen blüht“, verbindet die Kerzen am Baum mit der Wärme, die sie in den Menschen entfacht.
- Die Schlusszeilen wünschen sich, dass alle „unfeindlich“ sind – „einmal im Jahr“.
- Joachim Ringelnatz (1883–1934) war Dichter, Kabarettist und Maler.